Wir, der Westen!

Virenkrieg

Roman-Zyklus von Lutz Büge

Evan – Virenkrieg IV (Ebook)

Biowaffen, Geheimorganisationen
und einsame Entscheidungen –
die Menschheit am Rand ihrer Auslöschung.

„Willkommen in einer Welt, in der es keine saubere Trennung
mehr gibt zwischen Gut und Böse, richtig und falsch.“

Frankfurter Rundschau

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Wir, der Westen!

In den meisten bisherigen Artikeln über das gespannte Verhältnisse des Westens zur islamischen Welt habe ich keine Unterschiede zwischen westlichen Staaten gemacht, sondern den Westen wie einen kulturellen Block behandelt. Das entspricht natürlich nicht der Realität. Viele Deutsche sind zum Beispiel nicht einverstanden mit der US-amerikanischen Großmachtpolitik und ballen die Fäuste in den Hosentaschen, während die USA nach Belieben eigene Ziele definieren und verfolgen. Und auch auf den Ebenen darunter gibt es viel weniger Einigkeit, als es von außen den Anschein hat. Der Niedersachse zum Beispiel ist nicht gut auf den Bayern zu sprechen, weil der zwar viel von der dringend notwendigen Energiewende spricht, aber wenig Motivation zeigt, beim Ausbau der Fernleitungen voranzukommen. Viele Offenbacher – in dieser Stadt lebe ich – können die Frankfurter Nachbarn nicht ausstehen und umgekehrt, bekennen sich aber dazu, Hessen zu sein und sind stolz darauf: Wir Hessen!, sagen sie. Sollte man das nicht besser lassen, wenn es dieses Wir in Wirklichkeit nicht gibt? Ebenso wir Deutschen. Wir, der Westen!

Virenkrieg-Autor Lutz Büge
schreibt auf Ybersinn.de über
die Hintergründe seines Romanzyklus.

Das ist keine einfache Frage. Wir Deutschen haben durch Weltkriege, Kriegsverbrechen und den Völkermord an den Juden eine historische Last auf uns geladen, und das bleibt so, obwohl unter uns nur noch wenige von denen leben, die seinerzeit gemordet haben. Die Erinnerung daran, das Gedenken, stiftet Identität. Wir Deutschen sind das Volk der Dichter und Denker, der Ingenieure, der „Endlösung“ und der industriellen Menschenvernichtung. „Wir“ haben daraus Konsequenzen gezogen: Von deutschem Boden soll nie wieder Krieg ausgehen. Das Existenzrecht Israels ist deutsche Staatsräson. „Wir“ Deutschen sind ein Gründervolk der Europäischen Union, wie der Staatenbund heute heißt, der das wohl erfolgreichste Friedensprojekt der Geschichte ist. EWG, EG und EU brachten dem europäischen Kontinent einen historisch einmalig stabilen Frieden. „Wir“ Deutschen sind heute mehrheitlich Europäer, aber so recht kommt es uns nicht in den Sinn, uns „Wir Europäer!“ zu nennen. Vielleicht weil es in der EU auch Mitgliedsstaaten gibt, die sich abwegig verhalten?

Aber „wir“, der Westen? Wir sind, jede und jeder einzelne von uns, lediglich kleine Menschlein, von denen jedes eigene Ziele und Bedürfnisse hat. Uns als Bewohner einer Stadt zu outen, verlangt uns nichts ab. Auch die Mitgliedschaft in einer wie auch immer gearteten Landsmannschaft stemmen wir. Sogar als Deutsche bezeichnen wir uns normalerweise vorbehaltlos, obwohl wir wissen, dass wir damit ein schwieriges Erbe annehmen. Aber „wir“, der Westen? Tonangebend und stilbildend wirken im Westen die USA. Huntington* nennt sie – neben Deutschland – einen der Kernstaaten des westlichen Kulturkreises. Doch weder werden wir an deren Wahlen beteiligt, noch fragen uns die USA, ob wir mit dieser oder jener Politik einverstanden wären. Wie könnten wir uns also mit derselben Vorbehaltlosigkeit, wie wir von uns als Deutschen sprechen, als „wir“, der Westen, bezeichnen?

* Unverständliche Begriffe kannst Du im Virexikon nachschlagen.

US-Präsident Donald Trump sagt selbst: America first. Also nichts von wegen „wir“, der Westen. Von einer Politik im Sinne eines westlichen Gemeinwohls nicht zu reden. Barack Obamas Politik hingegen war gesprächs- und konsensorientiert, aber durch den Drohnenkrieg gegen die Terroristen schmälerte er seine Regierungsbilanz: Die „Todesstrafe auf Knopfdruck“ hat viele Opfer unter Unschuldigen gefordert. Menschenrechte? George W. Bushs Irak-Krieg geschah nicht im westlichen Einvernehmen und hat viel Unheil über den Nahen und Mittleren Osten gebracht, das wir heute noch spüren.

„Die Erklärung
der Menschenrechte“,
Gemälde von
Jean-Jacques-François Lebarbier (1789).

Bill Clinton und Ronald Reagan haben ihre Verdienste, vor allem letzterer, und zwar um die deutsche Einheit und die Weltordnung nach dem Ende des Kalten Kriegs und der Sowjetunion, doch beide stehen auch für die Deregulierung des Finanzkapitalismus, für Globalisierung im Interesse der Wall Street, also für US-Interessen. Diverse Militäraktionen Reagans  – Grenada, Panama – dienten den geostrategischen Interessen der USA. Die USA sind Teil des nordatlantischen Verteidigungsbündnisses Nato, das sonst in der Welt vielfach – neben seiner konkreten Funktion – als Gemeinschaft westlicher Rechtsstaaten angesehen wird, aber da sie sich zur Durchsetzung ihrer Ziele auch mit Alleinherrschern und Terroristen verbündet haben, ist ihr Ansehen in der Welt ambivalent.

Auch wir Deutschen bewundern die USA vielfach. Nicht wegen ihrer militärischen Stärke, sondern wegen der Impulse, die von ihnen auf die ganze Welt ausgegangen sind. Sie sind Befreier,  in vielerlei Hinsicht. Sie haben die Nazis besiegt und Europa und Deutschland mit dem Marshall-Plan (der auch US-Ziele verfolgte) wieder auf die Beine geholfen. Das hat Dankbarkeit zur Folge. Sie haben aber auch eine Bürgerrechtsbewegung hervorgebracht, die weithin ausstrahlte. 1968 wäre in Deutschland und anderswo nicht denkbar gewesen ohne die Ursprünge dieser Bewegung in den USA, die letztlich dazu geführt hat, dass die Bundesrepublik ihr Grundgesetz entdeckt hat. Es sind einzelne Menschen wie Martin Luther King, die derart gestrahlt haben, aber auch eine anonyme Masse von Menschen wie die des Aufstandes in der New Yorker Christopher Street, deren Ziele 50 Jahre später weitgehend umgesetzt sind.

Ich glaube, dieser Gedanke führt dahin, dass wir letztlich doch – ambivalent vielleicht, aber letztlich ohne zu erschrecken – von „uns, dem Westen“, sprechen können. Denn mit „dem Westen“ sind nicht Staaten, Regierungen oder gar Religionen gemeint – auch wenn dies vielleicht etwas ist, was wir anderen Kulturkreisen erst noch beibringen müssen. Gemeint ist die Zivilgesellschaft. Menschen, die Themen auf die Tagesordnung setzen, Diskussionen führen und dabei auch Regierungen kritisieren – was keineswegs selbstverständlich ist in der Welt. Die Freiheit, dies zu tun, ist eines der Merkmale der westlichen Gesellschaften, und sie prägt unsere politische Kultur. Unsere Rechtsordnung ermöglicht uns dies, ebenso wie sie die Überwindung autoritären und obrigkeitsstaatlichen Denkens ermöglicht. Die Freiheit des Individuums ist der zentrale Wert, und diese Freiheit und diese Ordnung meinen wir letztlich, wenn wir sagen: Wir, der Westen! Was keineswegs bedeutet, dass „wir“ mit allem einverstanden sind, was da im Namen des Westens getrieben wird. Da gibt es wahrlich eine Menge, was zu kritisieren ist. Und das werden „wir“ auch weiterhin tun.

Nächste Woche: Die CIA tut, was sie nicht lassen will

Das Virenkrieg-Finale – Eine Übersicht

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