Biowaffen – Eine Einführung (1)

Virenkrieg

Roman-Zyklus von Lutz Büge

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Incubus – Virenkrieg III
erscheint am 7.5.2019 (eBook)

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Biowaffen, Geheimorganisationen und einsame Entscheidungen – die Menschheit am Rand ihrer Auslöschung.

„Willkommen in einer Welt, in der es keine saubere Trennung mehr gibt zwischen Gut und Böse, richtig und falsch.“
Frankfurter Rundschau vom 13.8.2015

Vorläufiges Cover

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Biowaffen – Eine Einführung (1)

Zusammengezuckt? Eine Einführung in die Konstruktion von Biowaffen? Wollen wir hier etwa Terroristen unterstützen oder sie auf den Trip bringen, indem wir ihnen Anleitungen zum Bau von Biowaffen geben? Natürlich nicht. Doch Biowaffen spielen in meinem Virenkrieg-Zyklus eine große Rolle. Im öffentlichen Bewusstsein blitzt das Problem, das sie darstellen, jedoch nur gelegentlich und nur am Rande auf, etwa wenn Hollywood das Thema in Filmen wie „Outbreak“ oder „Contagion“ aufgreift oder wenn aus Afrika mal wieder beunruhigende Nachrichten über Ebola kommen. Gleichwohl stellen Biowaffen eine ernste Bedrohung dar.

Virenkrieg-Autor Lutz Büge
schreibt auf Ybersinn.de
über die Hintergründe seines
Romanzyklus und erläutert
Zusammenhänge mit
der realen Gegenwart.

Biologische Waffen werden in der Regel nicht gebaut, sondern es gibt sie reichlich frei Haus in der Natur. Wir verstehen darunter heutzutage vor allem Krankheitserreger. Eigentlich müsste der Begriff viel weiter gefasst werden. Historisch belegt ist, dass menschliche Leichen als biologische Waffen eingesetzt wurden, etwa indem sie in gegnerische Brunnen geworfen wurden, um diese zu vergiften. Ein anderes Beispiel für eine biologische Waffe: Richard Löwenherz setzte während des dritten Kreuzzugs Bienen gegen das belagerte Akkon ein, indem er mehrere hundert Bienenkörbe über die Mauern in die Stadt werfen ließ. Die ergab sich daraufhin sofort. Man sieht: Biologische Waffen sind vielfältig. Dennoch bleibe ich im Rahmen dieses Artikels beim gegenwärtigen landläufigen Sprachgebrauch und meine Krankheitskeime, wenn ich von Biowaffen spreche.

Seit jeher haben Menschen Keime und Viren zu kriegerischen Zwecken eingesetzt, auch schon zu Zeiten, als sie noch keine Ahnung davon hatten, dass Bakterien und Viren für die Seuchen verantwortlich waren, die man beim Feind auszulösen wünschte. Erstmals wurden Bakterien im Jahr 1676 durch den niederländischen Naturforscher Antoni van Leeuwenhoek mit einem selbstgebauten Mikroskop direkt beobachtet. Ein Zusammenhang zwischen einem Bakterium und einer Krankheit wurde erstmals im Jahr 1823 hergestellt. Nun war es nicht mehr weit bis zu den bahnbrechenden Entdeckungen von Louis Pasteur und Robert Koch, welche im 19. Jahrhundert die Bedeutung bestimmter Bakterien als Krankheitserreger erkannten. Viren hingegen, die sehr viel kleiner als Bakterien sind, konnten erst im Zuge der Entwicklung der Elektronenmikroskopie sichtbar gemacht werden. Das geschah Ende der 1930er Jahre durch den Virologen Helmut Ruska.

Die meisten Bakterien sind unschädlich oder sogar nützlich für den Menschen. Schätzungen von Experten zufolge leben beispielsweise in der Mundhöhle eines Menschen 100.000.000.000 (hundert Milliarden) Bakterien. Der Mensch profitiert davon, aber esgibt dennoch etliche Bakterien, die krank machen können. Eines, von dem der Einsatz als Biowaffe historisch belegt ist, ist Yersinia pestis, der hochansteckende Erreger der Pest (Bild rechts, Quelle: CDC via Wikicommons).

Im Jahr 1346 belagerten Tartaren die Stadt Kaffa (heute Feodossija) auf der Krim. Unter den Belagerern grassierte die Pest. Mit Katapulten beförderten sie Leichname von Pestopfern und damit die Pest in die Stadt. Von dort aus breitete sich die Seuche mit Hilfe von Flüchtlingen in ganz Europa aus. Der „Schwarze Tod“, wie diese Epidemie auch genannt wird, tötete ein Drittel der damaligen Bevölkerung Europas. Diese Geschichte zeigt anschaulich, dass Biowaffen einen Haken haben: Ihre Wirkung kann durchschlagend sein – doch die Keime lassen sich kaum kontrollieren. Solche Waffen können sich auch wieder gegen jene wenden, die sie einsetzen.

Zu den Erregern, die als Biowaffen eingesetzt wurden, gehören auch Orthopoxvirus variolae, die Pocken (Bild rechts, Quelle: CDC/Fred Murphy via Wikicommons). Viren sind schwerer nachzuweisen als Bakterien. Das erste Virus, bei dem dies indirekt gelang, war der Erreger der Maul- und Klauenseuche im Jahr 1898. Doch obwohl noch niemand ein solches Virus gesehen hatte, war schon 1807 in Bayern eine Pocken-Impfpflicht eingeführt worden. Bereits 1767 führte der Mediziner Franz Heinrich Meinolf Wilhelm am Würzburger Juliusspital die Pockenimpfung durch. In Indien sind Pockenimpfungen sogar schon seit etwa 1000 v.C. bekannt. Man hatte erkannt, dass der Kontakt mit abgeschwächten Erregern (die wie gesagt unbekannt waren) gegen die Pocken immunisierte oder eine Infektion zumindest deutlich abschwächte, so dass die Überlebenschancen stiegen. Die nordamerikanischen Ureinwohner hatten davon indes keine Ahnung. Im Jahr 1763 führten sie Krieg gegen die Briten und belagerten Fort Pitt, wo die Pocken ausgebrochen waren. Die aufständischen Indianer boten den Briten freies Geleit unter der Bedingung an, dass sie das Lager aufgaben. Die Briten lehnten ab, gaben den Indianern jedoch zwei verseuchte Decken aus dem Pockenkrankenhaus mit. Daraufhin brachen unter den Aufständischen die Pocken aus, der Aufstand war geschwächt.

Tartaren wie Briten wussten also durchaus, dass diese Krankheiten übertragen wurden, auch wenn sie nicht wussten, wie die Übertragung funktionierte. Das gilt auch für einen weiteren Erreger, der ebenfalls als Biowaffe eingesetzt wurde: Bacillus anthracis – Milzbrand oder auch Anthrax. Schon im Mittelalter war der Übertragungszusammenhang erkannt: Milzbrand galt als Berufskrankheit von Gerbern. Er tauchte vornehmlich bei Menschen auf, die Kontakt mit tierischen Häuten, Fellen und Borsten hatten, etwa in der Lederherstellung. Milzbrandsporen, also die Trockenform des Erregers, durch die er verbreitet wird, sind erstaunlich hart im Nehmen. Sie können nach 50 Jahren noch aktiv werden und zu Milzbrand führen, und sie sind in der Lage, die giftigen chemischen Verfahren bei der Lederherstellung zu überleben. Im Mittelalter wurden verseuchte Tierkadaver über die Mauern gegnerischer Städte geschleudert, ähnlich wie das die Tartaren vor Kaffa mit ihren Pestopfern gemacht haben. Milzbrand hat aus militärtaktischer Sicht einen „Vorteil“: Er wird nicht von Mensch zu Mensch übertragen, sondern nur von Tier zu Mensch. Er bringt also keine unkontrollierbaren Epidemien hervor. Doch auch Milzbrand hat einen Haken: Wo er gewütet hat, hinterlässt er auf Jahrzehnte hinaus verseuchte Gebiete, in die man sich besser nicht hineinwagen sollte.

Das mussten auch die Briten erfahren. 1942 planten sie, Milzbrand gegen Deutschland einzusetzen. Man wollte verseuchte Kuchen als Tierfutter aus der Luft abwerfen, das von Kühen, Schafen und Schweinen gefressen werden sollte. (Bild rechts: Anthrax-Bazillen. Foto: Wikicommons.) Auf diesem Umweg sollte die deutsche Bevölkerung millionenfach infiziert, die Ernährungsgrundlage reduziert und eine Hungersnot ausgelöst werden. Der Plan wurde nicht umgesetzt, nachdem er auf Gruinard Island getestet worden war, einer Insel vor der schottischen Küste. Dort verfütterte man solche verseuchten Kuchen an Schafe. Es gab zwei Effekte: Die Schafe starben – doch zuvor verteilten sie Milzbrandsporen mit ihren Ausscheidungen auf der gesamten Insel. Die musste daraufhin zum militärischen Sperrgebiet erklärt werden, da sie nur unter Lebensgefahr betreten werden konnte. Erst 1990 wurde die Sperrung aufgehoben, nachdem die Insel zuvor mit 280 Tonnen Formaldehyd entseucht worden war.

Man sieht: Biowaffen sind nicht ohne. Sie werden nach dem Einsatz nicht ungefährlich, so wie etwa chemische Kampfgase, die sich verteilen und verdünnen. Sie können sich gegen jene wenden, die sie ursprünglich eingesetzt haben. Ihre Wirkung lässt sich kaum kontrollieren und auch nicht begrenzen. Der Vergleich hinkt, aber wenn man alle Folgen berücksichtigt, haben bestimmte Biowaffen mehr mit Atomwaffen gemein als mit Chemie- oder konventionellen Waffen, denn sie können schwerwiegende Spätfolgen haben. Nach der Erfahrung von Gruinard Island könnte man sagen: Der Milzbrand-Versuch hat Fallout hervorgebracht. Der war zwar nicht radioaktiv, aber gleichwohl tödlich.

Nächsten Dienstag: Wie geht die Welt mit der Bedrohung durch Biowaffen um?

Das Virenkrieg-Finale – Eine Übersicht

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