Alles hängt mit allem zusammen

Virenkrieg Cover 001In gut einem Monat erscheint mein neuer Roman Skylla, die Fortsetzung von Virenkrieg. Ich werde manchmal gefragt: Wie kommst du nur auf solche Ideen? Ganze Romanzyklen zu entwerfen wie Virenkrieg oder auch Amduat (in diesem Zyklus bisher erschienen: Der Osiris-Punkt, Der hölzerne Pharao) und dann ein „dickes Ding“ nach dem anderen zu liefern — was muss man dabei alles bedenken und berücksichtigen? Hast du einen Plan für das Ganze, weißt du schon, wie es ausgeht?

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Diese Fragen sind nur scheinbar leicht zu beantworten. Ich will es trotzdem mal versuchen.

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Alles hängt mit allem zusammen

Ja, ich weiß natürlich, wie Virenkrieg ausgeht. Und ja, es gibt einen Plan für das Ganze, doch nein: Dieser Plan ist bisher größtenteils nicht schriftlich fixiert, sondern existiert nur in meinem Kopf. Derzeit arbeite ich am Storyboard für Incubus, dem dritten Roman im Zyklus, und schreibe am ersten Kapitel. Für die Romane vier und fünf, Evan und McWeir, gibt es noch keine Storyboards, nur grobe Handlungslinien. Wie kommt es dann aber, dass Skylla, der zweite Roman, genau so endet, wie es für Incubus nötig ist?

Dieser Artikel erscheint im Rahmen des
Skylla-Themenmarathons. Übersicht: –> HIER.

Was nach sorgfältiger Planung aussieht, ist in Wahrheit das Ergebnis eines Prozesses, den ich gern mit dem Bild eines im Fluss treibenden Baumstamms veranschauliche. Von dem Moment an, in dem der Baumstamm seine Reise antrat, ist er den Gesetzen der Strömung unterworfen. Diese Strömung ist schwer fassbar, aber trotzdem vorhanden, und sie wird den Baumstamm mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit hinaus ins offene Meer spülen. Das Ziel seiner Reise steht also fest, auch wenn er selbst keine Ahnung davon hat.

Dieses Bild hinkt viel weniger, als es im ersten Moment den Anschein hat. So steht das Ziel des Baumstamms keineswegs sicher fest. Die unwägbare Strömung kann ihn irgendwo im Verlauf des Flusses ans Ufer spülen. Diese Unwägbarkeiten gibt es auch beim Schreiben, und die Kunst besteht darin, den Baumstamm — also die Erzählung in dem Moment, in dem sie aufgeschrieben wird — immer schön im Zentrum der Strömung zu halten. Damit ist auch schon beschrieben, warum Skylla so endet, wie es für Incubus nötig ist: Die Handlung blieb in Strommitte. Ich kann aber verraten, dass das nicht immer einfach war.

Die ideale Drift

Es gibt eine Konstante in der Erzählung: Jans Geschichte. Sie erzwingt die Strömungslinie, die ideale Drift, denn ich weiß genau, wohin ich mit dieser Hauptfigur will.

Treibgut
am Ende
seines Weges.
Foto: L. Büge

Dr. Jan Metzner, der Mikrobiologe und Genetiker, ist die Hauptfigur des Virenkrieg-Zyklus. Um ihn herum kommen und gehen andere Figuren wie Michael Schwartz, Justin Darkwater, Hillary Landsdale und weitere. Sie tangieren Jans Schicksal manchmal nur aus großer Ferne. Doch alles hängt mit allem zusammen. Dieses Motto durchzieht den ganzen Zyklus. Alle Figuren gewinnen ihre Berechtigung aus Jans Geschichte, selbst die Figur der Hillary Landsdale, Detective am Seattle Police Department, also am anderen Ende der Welt, von Jan aus gesehen. Sie ermittelt in einem Mordfall, den es nur gibt, weil Jans bester Freund Michael Schwartz dem Nobelpreisträger Samuel McWeir das Skylla-Virus geschickt hat — und wegen Michael sitzt Jan in Al-Isrā fest, dem geheimen Biowaffenlabor der Islamischen Allianz.

Alles hängt mit allem zusammen — im Virenkrieg-Zyklus ist das geradezu das Erzählprinzip. Es kehrt in vielen Details wieder, aber auch in der Art und Weise, wie neue Figuren eingeführt und alte verabschiedet werden. Das funktioniert wie beim Staffellauf, wo der zweite Läufer das Holz vom ersten übernimmt, um es an den dritten zu übergeben, nachdem er seine Runde beendet hat. In Skylla ist dies am Beispiel von Michael Schwartz und seinem jüngeren Bruder Philipp zu besichtigen: Im fünften Kapitel wird das Holz überreicht, obwohl zwischen den Brüdern eine räumliche Distanz von rund 10.000 Kilometern und eine zeitliche Distanz von 608 Tagen besteht. Damit ist Michael nicht herausgeschrieben, aber er bekommt nun nicht mehr den breiten Raum, den er bis dahin hatte. Und wer weiß: Vielleicht übergibt Philipp das Holz in einem der späteren Romane von Virenkrieg an seinen Bruder Jonathan oder seine Schwester Maggie?

CNN und andere Parallelen

CNN ZentraleDass alles mit allem zusammenhängt, wird außerdem natürlich auch dadurch offensichtlich, dass die Protagonisten von Virenkrieg und Skylla überall auf der Welt dieselben Nachrichten verfolgen: Sie sehen CNN. Nicht weil ich diesen Sender besonders mögen würde und weil ich Werbung für ihn machen möchte, sondern weil er wie kaum ein anderer für kontinuierliche globale Berichterstattung steht.

Die CNN-Zentrale
in Atlanta.
Bild: Connor.carey

Die Nachrichten, die via CNN veröffentlicht werden, ergeben so etwas wie die Textur der Romane, sie bestimmen ihren Rhythmus und verbinden alle Handlungsstränge so, dass nicht nur die Figuren selbst, sondern auch die Leserinnen und Leser auf dem Laufenden bleiben. So sind sich Hillary in Seattle, Phil in Baltimore und Jan in Al-Isrā viel näher, als sie wissen. Das funktioniert natürlich nur vor dem Hintergrund eines dramatischen Geschehens, das von allen verfolgt wird. In Skylla ist dies die Entwicklung rund um die Queen Mary 2. Darum muss ich mir für Incubus etwas anderes ausdenken — auch deswegen, weil die Handlung von Incubus sich über ein Dritteljahr erstreckt, während die Handlungen von Virenkrieg und Skylla jeweils nur wenige Tage dauern.

Ein drittes Stilmittel steht ebenfalls sinnbildlich dafür, wie im Virenkrieg-Zyklus alles mit allem zusammenhängt: parallele Entwicklungen. In Skylla passiert etwas, wofür es in Virenkrieg – Erstes Buch noch keinen Platz gab. Zwischenmenschliche Gefühle brauchen eben ein bisschen, um sich anzubahnen und zu entwickeln. Ich will nicht zu viel verraten: In Skylla verlieben sich zwei Hauptfiguren zur gleichen Zeit, aber auf unterschiedliche Weise und mit unterschiedlichen Folgen. Die Gleichzeitigkeit verbindet sie dennoch. Diese Parallelmontage verschiedener Handlungsstränge zeigt, dass die Schicksale verknüpft sind, obwohl die Figuren davon nichts wissen.

Freie Wesen mit einem freien Willen

Die eingangs gestellt Frage bleibt indes unbeantwortet: „Wie kommst du auf solche Ideen?“ Ja, die Ideen. Ehrlich gesagt: Ich weiß es nicht. Mit Hilfe dieser Ideen spiele ich in allen meinen Romanen im Hintergrund immer wieder die Frage durch, wie frei der Mensch eigentlich ist. Denn wir halten uns ja für freie Wesen mit einem freien Willen. Doch stimmt das auch? Jan Metzner in Al-Isrā ist jedenfalls alles andere als frei. Er wurde manipuliert, um nach Al-Isrā zu gelangen und jemanden umzubringen. Nun befindet er sich in den Händen der Islamischen Allianz, die sich sein Wissen gern zunutze machen würde, und wieder hat er keine Wahl: Wenn er für die Islamische Allianz arbeitet, konstruiert er Biowaffen. Die Gegenseite besitzt diese Waffen allerdings bereits. Wenn Jan sie der Islamischen Allianz zugänglich macht, sorgt er für ein Gleichgewicht des Schreckens, das die Gegenseite davon abhalten könnte, ihre Waffen einzusetzen. Wie soll er sich entscheiden? Es ist die Wahl zwischen Pest und Cholera. Es gibt nur einen einzigen Weg, sich dieser Entscheidung zu entziehen, aber dieser Weg kann Jan töten. Trotzdem entscheidet er sich am Schluss von Virenkrieg – Erstes Buch dafür, diesen Weg zu gehen. Ist das klug? Ist das frei?

Mit den Konsequenzen wird er jedenfalls leben müssen. Oder auch nicht.

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Virenkrieg Cover 001Neu: Virenkrieg I.

Thriller von Lutz Büge (Printausgabe)

„Verehrte Herren, lassen Sie mich nun zum Punkt kommen. Welche Kriterien zeichnen ein echtes Killervirus aus? Ich glaube, es sind vier:
Erstens: Hohes Ansteckungspotenzial. Es kann leicht übertragen werden. Unübertroffen ansteckend ist das Pocken-Virus, aber auch Influenza-Viren wie H5N1 können das gut.
Zweitens: Hohe Sterbequote mit dem Potenzial, selbst das beste Gesundheitssystem zum Zusammenbruch zu bringen. Unübertroffen: das Marburg-Virus mit bis zu 90 Prozent Toten.
Drittens: Mieses Image. Unser Killervirus löst Panik aus und lässt das gesellschaftliche Zusammenleben zum Erliegen kommen.
Viertens: Kein Gegenmittel. Es steht kein Impfstoff zur Verfügung und es kann in der Eile auch keiner hergestellt werden. Im Idealfall sollte es sich also um ein unbekanntes Virus handeln, das noch nicht erforscht werden konnte.
Und damit kommen wir zum Kern dieser Veranstaltung, sehr geehrte Herren, denn ich hätte hier etwas für Sie, hier in diesem kleinen, unscheinbaren Hochsicherheitsbehälter …“
Auszug aus den SCOUT-Protokollen, März 2017

Böse? Das war erst der Anfang. Mehr gibt es –> HIER.

Virenkrieg – Erstes Buch. Roman. Ybersinn-Verlag Offenbach. Paperback.
440 Seiten. 14,90 €. ISBN: 9783981738803.
Im Buchhandel oder direkt beim Ybersinn-Verlag –> HIER.

Das E-Book gibt es für 9,99 € in allen gängigen Online-Shops. ISBN 9783844292503.
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Von Autor Lutz Büge stammen diese Bücher und E-Books:

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2 Antworten auf Alles hängt mit allem zusammen

  1. Marlis sagt:

    Der Menschheit ist es noch nie gelungen, das Geheimnis der Inspiration vollständig auszuloten oder zu erklären – das kann gar nicht gelingen. Während aller schöpferischer Prozesse kommt irgendwann ein Zustand, in dem das Bearbeitete ein Eigenleben entwickelt und beginnt, teilweise wie von selbst zu fließen. Es wurde immer wieder so beschrieben, dass das Gefühl entstünde, „es“ fließe durch einen hindurch und aus einem heraus , sei zwar durch Zutun des/der kreierenden Menschen gestaltbar, jedoch nicht vollkommen steuerbar oder kontrollierbar..und auch nicht nur aus dem Eigenen Inneren geschöpft,….d.h. in vielen Momenten „holt“ jemand nicht Ideen, sondern sie entstehen im Gesamtzusammenhang des sich knüpfenden Netzes von Inhalten, und oft kann man als ausführender Mensch eben nicht genau Auskunft geben, wie alles zustande kommt.Man kann den Prozess allerdings stören, wenn man versucht, allzu oft dem Geheimnis nachzugraben…das ist dann wie mit einem nachträglich erklärten Witz. Let it flow, let it flow, let it flow…

  2. Lutz Büge sagt:

    Liebe Marlis,

    ich habe schon lange davon Abstand genommen, diesen Prozess verstehen zu wollen, und ganz sicher will ich ihn nicht stören. Das habe ich schon vor vielen Jahren entschieden, als ich mein Germanistik-Studium aus diesem Grund abgebrochen habe. Eigentlich hatte ich mir davon Inspiration erhofft, aber es ging dann sehr analytisch zu. Unter anderem wurde dem schöpferischen Prozess mit den Mitteln der psychoanalytischen Literaturinterpretation auf den Leib gerückt, und das wurde ziemlich schnell langweilig, weil Literatur plötzlich nur noch aus ödipalen Konflikte zu bestehen schien …

    Trotzdem kann ich verstehen, dass Menschen solche Fragen aufwerfen wie: Woher hast Du all diese Ideen? Ich weiß nicht, ob die Antwort darauf, wenn man sie denn geben könnte, wirklich jemanden befriedigen würde, aber dass die Menschen neugierig sind, ist grundsätzlich etwas Gutes.