Der „war on terror“ – Woher kommt Islamismus?

Virenkrieg

Roman-Zyklus von Lutz Büge

Incubus – Virenkrieg III

Biowaffen, Geheimorganisationen
und einsame Entscheidungen –
die Menschheit am Rand ihrer Auslöschung.

„Willkommen in einer Welt, in der es keine saubere Trennung
mehr gibt zwischen Gut und Böse, richtig und falsch.“

Frankfurter Rundschau

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Der „war on terror“ – Woher kommt Islamismus?

Der „Krieg gegen den Terror“ ist nicht einfach aus dem Nichts aufgetaucht. Er hat eine Vorgeschichte, ohne die man ihn nicht verstehen kann. Nun gibt es Zeitgenossen, die nicht wollen, dass wir, das einfache Volk, so was Kompliziertes verstehen, aber denen muss man nicht folgen. In ablehnender Anlehnung an das Zitat des amerikanischen →* Neocons Richard →* Perle, jeder Versuch, die Wurzeln von Terrorismus zu diskutieren, sei ein Versuch, Terrorismus zu rechtfertigen, werde ich daher nun die Wurzeln des „war on terror“ diskutieren. Mal sehen, ob ich ihn damit auch rechtfertigen werde.

→* Unklare Begriffe kannst Du
im Virexikon nachschlagen.

Virenkrieg-Autor Lutz Büge
schreibt auf Ybersinn.de über
die Hintergründe seines Romanzyklus.

Der Begriff „Krieg gegen den Terror“ setzt voraus, dass der Terror zuerst da war. Er ist der Kriegsgrund. Die Attentate auf das World Trade Center und das Pentagon am 11. September 2001 werden gemeinhin als Anlass für diesen „Krieg gegen den Terror“ gesehen. Grund, Anlass, Auslöser – das mag stimmen. Aber was sind die Ursprünge? Darum geht es auch in meinen Virenkrieg-Romanen. Es wird manchen überraschen: Diese Ursprünge liegen bis zu hundert Jahre in der Geschichte zurück und sind vielschichtiger Natur. Sie sind verbunden mit der Entstehung und der Geschichte des Islamismus.

Uns Westlern kommt es meist so vor, als gebe es Islamismus erst seit dem 11. September 2001. Tatsächlich wird er schon im Jahr 1928 greifbar, als in Ägypten die Muslimbruderschaft gegründet wurde, aber es gab auch schon davor bedeutende islamistische Strömungen, besonders in Saudi-Arabien. Die Konfrontation mit den westlichen Kolonialmächten ist einer der Gründe für seine Entstehung, und eine seiner Quellen ist das Gefühl der Unterlegenheit gegenüber einer westlichen Kultur, die militärisch und wirtschaftlich weit überlegen war und sich nicht scheute, diesen Einfluss auch auszuspielen. Islamismus ist ein Versuch, die eigene Identität zu behaupten, eine Antwort auf das, was die Muslimbrüder „britisch-westliche Dekadenz“ nannten. Dafür mussten sich die Muslime „nur“ auf den ursprünglichen Koran zurückbesinnen.

Diese Vorstellung von einem dekadenten Westen ist typisch für jede Spielart von Islamismus seit damals. Zugleich glaubte man, dass der Westen eine Art von kultureller Offensive gegen die arabische Welt betreibe, um ihr Verhältnis zu ihren Wurzeln im Islam zu zerstören, und dass diese westliche Kultur, die ihre wesentliche Kraft aus der Renaissance schöpfte, jedoch in Wirklichkeit auf der Begegnung mit dem Islam beruhe. Letzteres ist nicht ganz falsch, aber auch nicht ganz richtig. Tatsache ist, dass „der Islam“ – genauer: gewisse islamische Gelehrte wie Averroes (Ibn Rushd, 1126 bis 1198 n.C.) und andere – den Keimzellen des späteren Westens das Wissen der griechischen Antike vermittelt haben.

Ohne diese Gelehrten hätten die frühen Humanisten möglicherweise nie Aristoteles gelesen, deren Lehren und Ideen von einer zutiefst (heute würden wir sagen:) fundamentalistischen Kirche bekämpft und versteckt wurden. Aus dieser Begegnung entstanden Renaissance, Humanismus, Aufklärung, kurz: der Westen. Falsch ist, dass die Begegnung mit „dem Islam“ die Quelle für diesen Aufschwung gewesen sein soll. Averroes fungierte als gelehrter Vermittler der antiken Ideen. Er war ein muslimischer Intellektueller, der mit der islamischen Orthodoxie über Kreuz lag.

Statue von Averroes in Cordoba,
seiner Geburtsstadt.
Foto: Saleemzohaib, gemeinfrei

„Der Islam“ ist also nicht verantwortlich an der Stärke und Übelegenheit des Westens. Umgekehrt aber ist der Westen wesentlich verantwortlich für Entstehung und Verbreitung des Islamismus. Es gibt heutzutage vermehrt und immer lauter Stimmen, die beklagen, dass „der Westen an allem schuld“ sei. Doch es geht nicht um Schuld, sondern um historische Zusammenhänge. Wer den Eindruck des entwickelten Westens auf die größtenteils rückständigen Völker der arabischen Welt nicht zur Kenntnis nehmen will, argumentiert unhistorisch. Dieser Eindruck muss enorm gewesen sein, denn das Gefühl der Unterlegenheit prägt den islamischen Kulturkreis in weiten Teilen bis heute. Der Westen kehrte sich einen Dreck um die Belange der Muslime. Ihre Territorien waren für ihn nichts weiter als Grund und Boden, unter dem Ressourcen lagen, sprich Erdöl, und sie taugten als Schlachtfelder. Die Einheimischen wurden nicht gefragt. Die Begegnungen mit Westlern waren Quellen permanenter Erniedrigung für sie. Die Entstehung des Islamismus kann teilweise als Reaktion darauf verstanden werden.

Das soll nicht bedeuten, dass sämtliche Verantwortung für den Islamismus beim Westen läge. Hier wie da ist es schwierig, einzelne Verantwortliche ausfindig zu machen. Die islamische Orthodoxie war von jeher mächtig und ließ keine – wie wir heute sagen würden – Intellektuellenszene aufkommen. Wenn mal abweichende Ideen auftauchten, mündete dies meist in Spaltung und Sektierertum. Jener tonangebenden Orthodoxie fiel im Moment der Begegnung mit dem Westen keine bessere Antwort ein als die Rückbesinnung auf das, was als alte Werte des Koran verstanden wird. Würden sich die Muslime, so glaubten diese Menschen, wieder wahrhaft auf ihre Religion besinnen, so würde die islamische Welt ihre alte Stärke zurückgewinnen. Diese Sicht der Dinge ist naiv, aber sie ist leicht zu vermitteln.

Doch bleiben wir beim Westen und seinem Einfluss auf die Entstehung und Verbreitung des Islamismus, wie wir ihn heute antreffen. Es gibt fünf historische Schlüssel-„Momente“, welche Islamismus förderten:

  • das Sykes-Picot-Abkommen von 1917;
  • der Zweite Weltkrieg, mit dem die islamische Welt eigentlich nichts zu tun hatte;
  • die Gründung des Staates Israel mit dem Sechs-Tage-Krieg als Folge, der Niederlage der arabischen Staaten und der Nakba, der Vertreibung der Palästinenser;
  • die Gründung der Islamischen Republik Iran, die ihre eigene, eng mit westlicher Machtpolitik verbundene Vorgeschichte hat;
  • die Golfkriege, insbesondere der Golfkrieg von 2003, der in der Eroberung des Irak durch die USA gipfelte.

In den kommenden Monaten erscheinen in meiner Artikel-Serie „Das Virenkrieg-Finale“ in lockerer Folge Artikel zu diesen fünf historischen Punkten.

Nächste Woche: Mücken rücken vor – Plagegeister und Krankheitsüberträger

Das Virenkrieg-Finale – Eine Übersicht

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