Der Bammel vor dem Loslassen

Menschen kriegen Kinder, Autoren kriegen Romane. Das soll nun nicht heißen, dass Autoren keine Menschen wären. Aber ihre Romane sind jedenfalls keine Kinder. Nicht im biologischen Sinn. Man kann jedoch bildhaft sagen: Die Romane wachsen beim Schreiben heran und bereiten dabei ebenso Probleme wie schöne Momente. Und wenn ein Roman geschrieben ist, kommt irgendwann der Zeitpunkt, an dem der Autor ihn loslassen und in die Welt entlassen muss. Sieben Mal habe ich diesen Prozess in den vergangenen fünf Jahren durchlebt, und manches meiner Babys ist ziemlich böse geworden.

Dafür gab ich mein Bestes.

Größere Ansicht

Der Bammel vor dem Loslassen

In dem Dorf in Schleswig-Holstein, in dem ich aufwuchs, wurde eines Tages ein Junge geboren. Die Großmutter, angesichts der Schönheit ihres Enkels von stolzem Überschwang ergriffen, rief aus: „Der wird einmal Bundeskanzler!“ Das ganze Dorf begrüßte die Weissagung freudig. Ich nahm mir ein Beispiel an so viel Weitsicht und verkündete: „Und ich werde Schriftsteller!“ Vielleicht sagte ich auch Autor, so genau weiß ich das nicht mehr. Jedenfalls rümpfte das ganze Dorf die Nase. Es schien etwas dagegen zu haben, dass jemand nicht die Weissagung erfüllen wollte, welche ihm per Großmutter mitgegeben wurde. Dann wäre ich heute Beamter im Innenministerium. Oder aber es hieß einfach nicht gut, dass ein Teenager mit Inbrunst und Hühnerbrust sich die eigene Zukunft weissagte.

Ich wurde also Autor. Es war kein geradliniger Weg. Bis zum Jahr 2006 wurden fünf meiner Romane in Buchform veröffentlicht. Das lief immer nach folgendem dramatischen Muster ab: Autor schreibt ein Jahr lang an seinem Roman, überarbeitet, revidiert, feilt und strickt und schickt schließlich das Skript, wenn er meint: Besser geht’s nicht. Der Lektor sagt: Das bringen wir, aber … Nun eine kleine Hintergrund-Info für alle, die sich mit dem Literaturbetrieb weniger auskennen: Lektoren haben ein gewisses Wörtchen mitzureden. Anders ausgedrückt: Besser geht’s immer. Natürlich einigt man sich, denn man will ja die Veröffentlichung. Also setzt sich Autor wieder hin und yberarbeitet seinen Roman, revidiert ihn teilweise, feilt und strickt an den letzten Details. Und dann ist gut. Dann gibt er ab. Dann schickt er weg, lehnt sich zurück und fällt in aller Ruhe in ein tiefes, tiefes Loch. Von jetzt an ist ihm alles aus der Hand genommen. Das Baby ist in die Welt entlassen und geht nun seinen Weg.

So war das bis 2006 bei mir. Danach war Sendepause. Ich mochte nicht mehr. Ich hatte in den Jahren 1999 und 2000 zwei Romane geschrieben, die sich an ein breiteres Publikum richteten: das Ägypten-Abenteuer Der Osiris-Punkt und den SciFa-Politthriller Virenkrieg. Beim ersten galt: Sobald Lektoren und Agenten das Wort Ägypten hörten, winkten sie schon ab. Kein Interesse! Und mit dem zweiten hätte es fast beim Eichborn-Verlag geklappt. Aber eben nur fast. Ist gar nicht so einfach, Autor zu sein.

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Mit diesem Cover erschien mein erstes selbst
veröffentlichtes E-Book heute vor fünf Jahren.
Es wurde von Isabella V. Galanty gestaltet.

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Dann aber entdeckte ich das Selfpublishing und entschied, dass ich es ohne Verlag versuchen wollte. Für Der Osiris-Punkt engagierte ich noch einen Lektor, weil ich wollte, dass noch jemand auf den Text draufguckt, aber das gab nur Ärger, weil dieser Lektor sich wie ein Verleger aufspielte. Der Verleger war nun aber ich selbst. Wir beendeten die Zusammenarbeit im Krach. Nun lag es an mir allein, denn es war keiner da, der mir die Entscheidung hätte abnehmen können: So ist es gut, so bringen wir deinen Roman jetzt raus! Eigentlich war Der Osiris-Punkt fertig. Alles war angerichtet, die letzte To-Do-Liste war abgearbeitet, doch mich beschlich die große Angst, und ich zögerte die Veröffentlichung wieder und wieder hinaus.

In der Silvester-Nacht 2012/13 gab es Glückskekse. Ich wollte meinen zunächst nicht öffnen. Schließlich wagte ich es doch. „Packe Dein Glück beim Schopf“, stand auf dem Zettel. Das wurde von der Runde natürlich gleich auf den Osiris-Punkt und meinen Bammel vor dem Loslassen gemünzt.

Ich wagte es am Ende natürlich doch, aber es ist bis heute jedes Mal dasselbe, wenn ich etwas Neues herausbringe: Mich packt die nackte Angst. Ich weiß nicht genau warum. Vielleicht vor dem eigenen Mut? So kann es laufen, wenn man versucht, eigene Weissagungen zu erfüllen. Der Bundeskanzler in spe aus meinem Dorf ist heute übrigens Elektroinstallateur, einer der gefragtesten in der ganzen Gegend. Als Bundeskanzler wäre er sicher sehr unglücklich geworden. Es gibt eben solche Weissagungen, und es gibt solche.

In einem Punkt allerdings hat sich die Weissagung bis heute nicht erfüllt: Ich hatte noch immer keinen Diener! Ich finde aber, dass Autoren Diener haben sollten. Sogar solche Leute wie Giovanni Belzoni hatten schon zu Zeiten Diener, als sie noch gar nicht berühmt waren. Als Belzoni im Jahr 1815 erstmals ägyptischen Boden betrat, hatte er nur seine Frau und einen jungen Burschen namens James Curtain bei sich. Damals war noch nicht die Rede davon, dass er zum Pionier der Archäologie, erfolgreichen Grabräuber und gefeierten Buchautor heranreifen wyrde. Daran kann man erkennen, wie wir Autoren mittlerweile auf den Hund gekommen sind. Diener? Wo lebst du bloß? Also habe ich keinen Diener, nur einen Sekretär. Der heißt übrigens Belzoni und ist hier zu sehen:

Belzoni hat verschiedene Aufgaben.

  • Die wichtigste: Er sorgt für Luftumwälzung. Das ist in einem typischerweise schlecht gelüfteten Autorenstübchen eine Grundvoraussetzung für luftige Geistleistungen und wird von Belzoni  herausragend flatterhaft erledigt.
  • Er ist zuständig für die Reinigung sämtlicher vorfindbarer Computer-Tastaturen. Das erledigt er gern. Irgendetwas muss an solchen Tastaturen besonders lecker für ihn sein.
  • Außerdem überwacht er, wie auf dem Foto schön zu sehen, den Ablauf am Nil.
  • Viertens soll er die Übeltäter zur Strecke bringen, die dafür verantwortlich sind, dass in meinem Autorenstübchen so viele Landkarten, Bücher und sonstige papierne Dokumente sonderbar angeknabbert oder angenagt wirken, aber das scheint nicht gerade seine Stärke zu sein. Jedenfalls konnte er sie bisher nicht von ihrem Treiben abhalten. Oder sollte wirklich, wie er behauptet, der Zahn der Zeit für die Schäden verantwortlich sein?
  • Und fünftens, das soll nicht unterschlagen werden, verfolgt er das aufwändige Projekt, sich ständig mit Drovetti zu zoffen.

Grundsätzlich bin ich mit Belzonis Leistungen zufrieden. Beim Diktat hapert es etwas, aber dafür funktionieren die Alarmmeldungen umso besser. Bei mir muss der Postbote nicht zweimal klingeln, bis ich aufwache. Auch zur Entstehung von Der Osiris-Punkt hat Belzoni beigetragen, indem er mir zuschrillte, was Drovetti alles an Boshaftigkeiten angestellt hat. Daher soll mein Sekretär hier angemessen gewürdigt werden:

Viva Belzoni!

 

Der Osiris-Punkt erschien Anfang 2013 in einer dreiteiligen Version und am 7. März 2014 in einer Komplettversion, die mit der dreiteiligen inhaltlich identisch ist. Die Komplettversion gibt es überall im E-Book-Handel, die dreiteilige Version nur bei Amazon. Eine Veröffentlichung als gedrucktes Buch steht noch aus.

Mehr Info über den Roman: → HIER.

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Weiterführende Links:

+++ Autor Lutz Büge +++ Ybersinn-Verlag +++ Werke +++ Shop +++

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Dieser Artikel entstand auf der Basis der Ybersinn-Artikel Belzoni und die Reise nach Ägypten vom 3. Dezember 2012, Der Bammel vor dem Loslassen vom 3. Januar 2013 und Die Ausrüstung hing an Theo wie ein Stein vom 7. Januar 2013 und fasst diese Beiträge zusammen.