Fuß, Füße, Kilofuß

Als Autor stößt man schon mal hier und da an seine Grenzen. Eigentlich wird es da ja erst interessant, denn was ist jenseits der eigenen Grenzen? Spannende Frage, rein theoretisch, aber will man das wirklich wissen? Nehmen wir mal an, wir schreiben als Autor einen Roman, der zum Teil in einem Land spielt, das immer noch nicht das metrische System hat. Jenseits unserer Grenzen herrschen also Fuß und Meile, nicht Meter und Kilometer. Machen wir mit bei diesem Scheiß?

Fuß, Füße, Kilofuß

Textaufgabe für alle:

Ein Luxusliner mit 1132 Fuß Länge, 236 Fuß Höhe und einer Breite von 135 Fuß fährt mit einer Geschwindigkeit von 30 Knoten pro Stunde von der Chesapeake Bay zu den Bermudas. Ein Knoten entspricht einer Geschwindigkeit von einer Seemeile pro Stunde. Welche Verdrängung hat der Luxusliner, wann kommt er an (Ostküstenzeit bitte, nicht die Atlantische Zeit, die auf den Bermudas gilt) und wie heißt er?

Hart, was? Ich habe hier mal in zwei Sätze reingestopft, mit welchen Problemen ich vor allem bei den Teilen 7 bis 10 meines neuen Romans konfrontiert war. In Wirklichkeit ist die Queen Mary 2 nämlich zwar 1132 Fuß lang und 236 Fuß hoch. Zugleich ist sie aber auch 345 Meter lang und 72 Meter hoch. Von der Breite ganz zu schweigen. Damit ist dieses Luxus-Kreuzfahrtschiff, das in „Virenkrieg“ entführt wird, ein ziemlicher Brocken — nämlich derzeit das drittgrößte Kreuzfahrtschiff der Welt. Ob sie das im Jahr 2024, wenn sie entführt wird, immer noch sein wird, lassen wir mal dahingestellt.

Die Queen Mary 2 am 9. November 2005 auf der Elbe, fotografiert von Torsten Bolten

In Wahrheit war es sogar noch komplizierter, und ich lege meine Hand nicht dafür ins Feuer, dass mir in meinem Roman in dieser Hinsicht keine Fehler unterlaufen sind. Denn die Queen Mary 2 wird am 11. Juni 2024 ostamerikanischer Zeit um 2:10 Uhr (Eastern Standard Time, EST) entführt. (Die Unterschiede bei der Zeitangabe — a.m., p.m. — lassen wir hier mal beiseite, sonst werde ich wahnsinnig.) Zum Glück ist gerade Juni, und überall gilt die Sommerzeit. Zwanzig Minuten später, um 8:30 Uhr MEZ — Mitteleuropäische Zeit — erfährt „Virenkrieg“- Protagonist Jan Metzner von der Entführung des Kreuzfahrtschiffes. Er befindet sich zu diesem Zeitpunkt in Libyen, weiß allerdings nicht, wo genau. Libyen ist glücklicherweise im Jahr 2021 von der OEZ (Osteuropäische Zeitzone) in die MEZ konvertiert, sonst hätten wir jetzt noch eine vierte Zeitzone im Spiel.

Zu diesem Zeitpunkt schläft Justin Darkwater noch, der Vater zweier Kinder, die auf der Queen Mary 2 sind; und zwar schäft er in Los Angeles, wo er sich gerade zu einem Mikrobiologen-Kongress aufhält. Justin Darkwater ist nämlich Biowaffen-Ingenieur, auch wenn er sich selbst nicht so sieht. Die Nachricht von der Entführung des Schiffes erreicht ihn gegen vier Uhr pazifischer Zeit, weil seine Frau Sonja in Bethesda/Maryland (7 Uhr EST) gerade morgenmuffelig den Fernseher eingeschaltet hat — und das muss sie ihrem Mann natürlich sofort berichten. Zu diesem Zeitpunkt ist es bei Jan in Libyen schon 13 Uhr, und es hat Explosionen an Bord der Queen Mary 2 gegeben. Alles hängt mit allem zusammen. Ich kann es nur immer wieder betonen.

Aber ich habe die Nerven behalten. Es war viel Kleinarbeit, die drei Handlungsebenen der Teile 7 bis 10 so zu komponieren, dass alles stimmt. Ich hoffe, es sind mir keine Fehler unterlaufen. Und wenn doch: Wir sind alle nur Menschen.

Alles voll logisch

In einem anderen Punkt habe ich es mir leichter gemacht. In großen Teilen der Welt gilt das metrische System. Ein Meter sind hundert Zentimeter und tausend Millimeter. Und so weiter. Kennt Ihr ja. Dummerweise spielen Teile meines Romans aber in einer exotischen Weltgegend namens USA, wie immer noch der Fuß und die Meile regieren. Die USA sind eines von drei Ländern auf der Welt, die nicht das metrische System benutzen. (Die anderen beiden Länder sind Liberia und Myanmar, das frühere Birma.) Nur in Wissenschaft und Industrie hat es sich durchgesetzt, wird aber von der Bevölkerung für den alltäglichen Gebrauch weiterhin nicht akzeptiert. Man hängt am Fuß.

Ein Fuß sind zwölf Zoll, drei Fuß sind ein Yard, 1760 Yards sind eine Meile. Alles voll logisch, nicht wahr? Nun, das sind historisch gewachsene Maßeinheiten, und der Umgang damit ist natürlich vor allem eine Sache der Gewöhnung. Da meine Leserinnen und Leser aber (bisher) in aller Regel Deutsche sind, stellte sich die Frage, ob ich Euch in den Teilen von „Virenkrieg“, die in den USA spielen, mit Fuß und Meile konfrontieren soll. Mein Mann brachte das Problem auf. Er ist einer meiner Testleser und stolperte über eine Textpassage im 10. Teil, in der ein CNN-Moderator einen CNN-Reporter danach fragt, wie viel Tiefgang die Queen Mary 2 habe. Und der Reporter antwortet: 9,7 Meter. So würde er aber in der Realität tatsächlich wohl niemals antworten, sondern er würde sagen: Etwa 30 Fuß. Weißt du was, habe ich zu meinem Mann nach einiger Bedenkzeit gesagt, dann führen wir in den USA jetzt einfach das metrische System ein. Und voilà, es ist gelungen. War gar nicht so schwer.

Nur die Seemeile habe ich in „Virenkrieg“ beibehalten, denn die hat nach meinem Empfinden eine nachvollziehbare Begründung: Eine Seemeile ist salopp gesprochen die Länge einer Bogenminute am Erdäquator und entspricht damit 1,852 Kilometern. Ein voller Kreis hat 360 Grad, jedes Grad hat 60 Bogenminuten, jede dieser Bogenminuten wiederum Bogensekunden — auch dies ist ein gewachsenes historisches Maß. Und kein metrisches. Auf See ist die Verwendung der Seemeile als Entfernungseinheit sinnvoller als die des Kilometers. Zumal auch Geschwindigkeiten auf See auf dieser Basis gemessen werden: Ein Knoten entspricht einer Geschwindigkeit von einer Seemeile pro Stunde, das ist etwa ein halber Meter pro Sekunde. Der Schwimm-Weltrekord-Inhaber über hundert Meter Freistil der Männer, César Cielo Filho aus Brasilien, kraulte 2009 mit gut vier Knoten. Ein Normalsterblicher schafft vielleicht zwei Knoten. Die Queen Mary 2 bringt es mit ihren 117.000 PS — das ist nun eine nicht-metrische Maßeinheit, die wir Deutschen immer noch gern verwenden — auf 30 Knoten, etwa 56 km/h.

Es ist doch wirklich spannend, mit welchen Problemen man als Autor konfrontiert wird, nur weil man mal die Queen Mary 2 entführen möchte. Sage niemand, ich hätte es mir zu leicht gemacht!