Immer ist der Westen schuld

Virenkrieg

Roman-Zyklus von Lutz Büge

Incubus – Virenkrieg III

Biowaffen, Geheimorganisationen
und einsame Entscheidungen –
die Menschheit am Rand ihrer Auslöschung.

„Willkommen in einer Welt, in der es keine saubere Trennung
mehr gibt zwischen Gut und Böse, richtig und falsch.“

Frankfurter Rundschau

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Immer ist der Westen schuld!

In letzter Zeit begegne ich häufiger einer Haltung, die unser Selbstverständnis betrifft. „Unser“ meint hier: uns Deutsche. Nicht nur jene unter uns, die Werte wie Rechtsstaatlichkeit und die Unantastbarkeit der Menschenwürde vertreten, sondern alle Deutschen. Dies ist ein schwieriges „unser“, ein schwieriges „Wir“, über das ich bei anderer Gelegenheit mehr schreiben werde. An dieser Stelle sei zunächst festgehalten, dass es unter uns welche gibt, die sich als Vereinfacher betätigen und anderen zum Beispiel einzureden versuchen, dass die Flüchtlinge die Mutter all unserer Probleme seien. Einfache Erklärungen, einfache Sündenböcke, einfache Lösungen für die Probleme dieser Welt – ich nenne dies das „Perle-Syndrom“. Richard Perle, ein US-amerikanischer Ideologe, prägte dieses Denken, indem er behautete, dass man Terrorismus rechtfertige, wenn man nach seinen Wurzeln frage. Soll heißen: Bohrt nicht zu tief, Leute! Fragt nicht nach den Gründen! Haut einfach drauf!

Virenkrieg-Autor Lutz Büge
schreibt auf Ybersinn.de über
die Hintergründe seines Romanzyklus.

Ich verstehe, dass Menschen an der Komplexität der Welt verzweifeln und sich einfache Lösungen wünschen. Doch diese einfachen Lösungen existieren nicht. Beispiel: Abschiebungen, heute euphemistisch auch „Rückführungen“ genannt. Menschen, die bei uns kein Aufenthaltsrecht haben, sollen „ausgeschafft“ werden. So sagen die Schweizer dazu. Etwa weil diese „Auszuschaffenden“ bei uns straffällig geworden sind. Also weg mit ihnen! Vorausgesetzt, es gelingt tatsächlich, sie ins „sichere Drittland“ abzuschieben – welches Problem ist damit gelöst?

Einer weniger. Nun gut. Aber weiterhin werden Menschen straffällig, auch solche, die man nicht abschieben kann, zum Beispiel „Biodeutsche“. Am Problem der Kriminalität ändert sich also überhaupt nichts, ebenso wenig an den Gründen für Kriminalität. Zudem hat das Abschiebungsverfahren Kosten verursacht – nicht nur durch den Transport selbst, sondern auch durch das Personal, das mit der Abschiebung befasst ist, von der durchführenden Behörde über die begleitenden Polizisten bis hin zu Ärzten, die zur Sicherheit mitfliegen. Regelrecht schädlich für unser Gemeinwesen sind Abschiebungen dann, wenn Menschen davon betroffen sein, die zum Beispiel eine Ausbildung angefangen haben und bei denen alles darauf hindeutet, dass aus ihnen redliche Staatsbürger und Steuerzahler werden. Im Jahr 2018 wurden 23.617 Menschen aus Deutschland abgeschoben, davon 9209 nach dem Dublin-Verfahren; diese wurden also in jenes EU-Land zurückgebracht, in dem sie erstmals in der EU Asyl beantragt hatten. Rund 14.000 wurden also in „sichere Drittstaaten“ abgeschoben.

Problem gelöst? Deutschland mag sich aus dem Schneider wähnen, weil es ein paar lästige Menschen losgeworden ist, aber die Probleme, die mit diesen Fällen einhergehen, haben sich deswegen keineswegs aufgelöst. Sie wurden lediglich verschoben – nach Griechenland, Italien und in die „sicheren Drittstaaten“. Dort wirken sie weiter. Nehmen wir an, es sei möglich, nach Tunesien abzuschieben. Derzeit ist dies nicht der Fall, da Tunesien nicht als „sicherer Drittstaat“ anerkannt ist, aber genau dies wollen unsere politischen Vereinfacher erreichen. Tunesien ist eine fragile Demokratie. Sie könnte destabilisiert werden. Was, wenn die Problemfälle sich radikalisieren? Das Problem mit den Abgeschobenen ist also nicht nur nicht gelöst, sondern es verursacht neue, andere Probleme. Sind wir das Problem los? Nein. Es kann zu uns zurückkehren, denn wir haben die Verantwortung nicht übernommen.

Unsere Verantwortung

Damit sind wir beim Thema. So wie viele Menschen zu einfachen Lösungen tendieren, die in Wirklichkeit keine Lösungen sind, so lehnen sie vielfach auch die Verantwortung ab. Deutschland ist nicht an allem schuld, sagen sie zum Beispiel – als ob das jemand behauptet hätte. Oder: Der Westen ist nicht an allem schuld! Auch dies hat niemand gesagt. Es geht nicht um Schuld, sondern um Verantwortung. Der Westen trägt zweifellos an vielen Fehlentwicklungen in der Welt Verantwortung, denn er war über Jahrhunderte hinweg politisch weltweit führend und kulturell prägend. Und er ist es immer noch!

Das ist eine schlechte Nachricht, doch darin steckt ein Keim der Hoffnung. Jedenfalls wenn man nicht bei der Frage der Schuld stehenbleibt. Kürzlich habe ich hier über das Sykes-Picot-Abkommen geschrieben, das aus heutiger Perspektive schlicht eine riesengroße Dummheit war. Es ist klar, dass daran jemand schuld ist und dass daraus nichts Gutes entstehen konnte, und das hätte auch 1916, im Jahr des Abschlusses, schon klar sein können. Die Verantwortung dafür zu übernehmen, heißt jedoch, daraus zu lernen und es besser machen zu wollen. Das kann man nur befürworten. Wenn unsere Politiker anfangen würden, aus solchen Erfahrungen zu lernen, statt zu versuchen, uns einfache Lösungen zu verkaufen, dann wäre schon viel gewonnen. Doch dafür benötigt ein Politiker den Mut, den Menschen reinen Wein einzuschenken!

Nein, der Westen ist nicht immer schuld, aber er ist für vieles verantwortlich. Er hat nicht nur in vielen Fällen die heutigen Grenzen geschaffen, die für Streit sorgen, er sorgt auch immer noch für Ausbeutung, runiert zum Beispiel mit seinen Freihandelsabkommen die unterentwickelten Wirtschaften Afrikas, so dass dort Fluchtgründe entstehen. Er hat das Monstrum miterschaffen, gegen das er heute Krieg führt: den Islamismus. Viele der Probleme, die unsere heutige Welt dominieren, sind vom Westen erschaffen.

Leider ist kein Ende in Sicht. Stichwort Klimawandel. Die Welt war schon weiter, aber US-Präsident Donald Trump hat den Ausstieg der USA aus dem Pariser Klimaabkommen verkündet. Er glaubt nicht, dass der Klimawandel vom Menschen gemacht ist. Das ist eine bequeme Haltung für alle, die nichts ändern wollen, für alle Anhänger einfacher Antworten, aber sie ist falsch. Man kann sich weigern, die Verantwortung anzunehmen. Am Problem selbst ändert das nichts. Es verschwindet nicht, nur weil man den Kopf in den Sand steckt. Das ist beim Klimawandel so, und bei den Abschiebungen ist es ebenfalls so. Mit derlei populistischen „Lösungen“ lösen wir in Wirklichkeit kein einziges Problem.

Spider-Man in Tornesch.
Bild: Huhu

Doch wie kann man den Anhängern einfacher Botschaften begreiflich machen, dass sie sich auf dem Holzweg befinden? Vielleicht mit dem Motto einer Comicfigur. Peter Parker alias Spiderman muss erleben, wie sein Onkel durch seine Mitschuld stirbt. Der Onkel gibt ihm letzte Worte mit auf den weiteren Lebensweg: „Aus großer Kraft folgt große Verantwortung“. So ist die ganze Chose mit einfachen Worten auf den Punkt gebracht. Peter Parker wird diese Worte nie vergessen, sie werden Spiderman formen. Es geht sogar noch einfacher, und zwar mit den Worten einer Kinderbuchfigur: Pippi Langstrumpf. „Wer stark ist, muss auch gut sein“, so rührend einfach – und natürlich auch ein bisschen naiv – hat Astrid Lindgren es ihrer berühmtesten Schöpfung in den Mund gelegt. Einfache Worte – und so wahr! Sie betreffen auch das Selbstverständnis von uns allen hier im Westen.

Diese Zitate kommen nicht aus dem luftleeren Raum. Astrid Lindgren, Steve Ditko und Stan Lee – die beiden Letztgenannten sind die Schöpfer Spidermans – zitieren damit Voltaire, jenen berühmten Philosophen und Protagonisten der Aufklärung, ohne den der Westen nicht der Westen wäre. Daran sollten wir uns erinnern.

Nächste Woche: Das Trennende vs. das Verbindende

Das Virenkrieg-Finale – Eine Übersicht

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