Wie frei kann ein Mensch sein?

Eine Leserin fragte mich neulich, wie ich das eigentlich mache, so unterschiedliche Romane wie „Der Osiris-Punkt“ und „Virenkrieg“ nacheinander zu schreiben. Der eine ist eine Abenteuergeschichte, die dramatische Handlungen auf verschiedenen Zeitebenen mit der problematischen Gegenwart verbindet und mit einer Prise Indiana Jones gewürzt ist, der andere ist ein ziemlich harter Polit-Thriller, der den Atem stocken lässt und zehn Jahre in der Zukunft spielt. Ich habe der Leserin geantwortet, dass die Romane gar nicht so unterschiedlich sind, wie es den Anschein hat.

Mehr über den Roman
im Anschluss
an diesen Artikel.

Wie frei kann ein Mensch sein?

Ein Freund sagte mir kürzlich, er habe gar keine große Lust, „Virenkrieg“ zu lesen, denn er möge keine Science Fiction. Das hat mich erst mal sprachlos gemacht, denn offenbar wird ein Roman schon allein deswegen als Science Fiction einsortiert, weil er zehn Jahre in der Zukunft spielt. Ich habe dem Freund dann geantwortet: „Der Osiris-Punkt“ sei viel eher Science Fiction gewesen, SF nämlich im Wortsinn: Science, also Wissenschaft, bietet der Roman zur Genüge in Form von Archäologie — und er bleibt auf dem Boden des wissenschaftlich Möglichen und Denkbaren. Fiction ist er natürlich allein deswegen, weil er eine Erzählung ist, eine Fiktion. Es kommen keine Raumschiffe drin vor, aber „Der Osiris-Punkt“ ist genau genommen Science Fiction at it’s best. Mit dieser Antwort habe ich den Freund sehr verblüfft, denn den „Osiris-Punkt“ fand er toll. Den „Virenkrieg“ dagegen müsste man eigentlich als Science Faction bezeichnen, denn obwohl er in der Zukunft spielt, sind alle Technologien, um die es in dem Roman (unter anderem) geht, heute schon denkbar. Um ehrlich zu sein, habe ich die Handlung des Romans nur deswegen in die Jahre 2022 bis 2024 gelegt, weil die weltpolitischen Konstellationen etwas anders sein mussten, als sie es heute sind.

So ist das eben mit den Denk-Kategorien. Sie sind nicht immer sinnvoll. Hinzu kommt, dass ich mich nicht gern in Schubladen stecken lasse. „Virenkrieg“ ist nicht einfach Science Fiction, und „Der Osiris-Punkt“ ist nicht einfach ein Abenteuerroman. Die beiden Romane haben viel mehr miteinander zu tun, als es auf den ersten Blick den Anschein hat. Als Autor hat man eben die unglaubliche Freiheit, ein Thema in den unterschiedlichsten Szenarien zu verhandeln. Unter der Oberfläche literarischer Texte — und dazu zähle ich beide Romane, obwohl es sich um Unterhaltungsliteratur handelt — gibt es eine oder mehrere Ebene (-n), über die man sagen könnte: Hier geht es um das, was der Autor sich beim Schreiben gedacht hat.

Was habe ich mir da nur gedacht?

Nehmen wir die Hauptfiguren — Theo Magenheim hier, Jan Metzner da. Theo ist ein Luftikus, von vornherein als Abenteurer angelegt, während Jan ein nachdenklicher, politischer Mensch ist, der die Dinge hinterfragt. Theo definiert seinen Grad von Freiheit darüber, wie gut es ihm gelingt, Frauen rumzukriegen — was für ihn allerdings nur so lange wirklich reizvoll ist, wie er selbst eigentlich unfrei, nämlich liiert ist. Jan hingegen hat sich eine große Freiheit tatsächlich erarbeitet: Nach seinem Studium hat er die USA verlassen, wo es kaum noch möglich war, als Mikrobiologe und Genetiker einen Job zu bekommen, ohne dabei in irgendeiner Weise mit dem militärisch-industriellen Komplex in Berührung zu kommen. Er ging, nicht ganz mittellos, nach Griechenland, gründete eine Firma, forschte mit bodenverbessernden Bakterienkulturen und löste auf dem Pilion, einer Halbinsel im griechischen Osten, eine Art landwirtschaftlicher Revolution aus. Es ist nicht nur unternehmerische Freiheit, die er sich hier erobert hat, sondern die tatsächliche Freiheit, jederzeit tun zu können, was ihm einfällt. Wobei er diese Freiheit nicht auslotet. Es reicht, dass sie da ist.

Das ändert sich schlagartig, als seine Schwester Meike entführt wird. Die Entführer, angeblich islamistische Terroristen, verlangen von ihm, dass er nach Ägypten fliegt und Kontakt zu einem gewissen Rafik aufnimmt. Schlagartig ist es mit Jans Freiheit vorbei: Um zu verhindern, dass seiner Schwester etwas angetan wird, handelt er schnell und folgt den Anweisungen der Entführer. Vom Moment der Entführung an ist er jedoch kein freier Mann mehr. Der Umschwung ist abrupt, gnadenlos, folgenreich. Eben noch ein ziemlich selbstbestimmt lebender Mensch, wird Jan Metzner von einer Sekunde auf die andere zu einem fremdbestimmten, ja, wie sich dann herausstellt, sogar zu einem ferngesteuerten Menschen.

Auch Theo Magenheim erlebt einen solchen Umschwung, aber der ist (noch) nicht so krass wie der, den Jan erlebt. Zunächst fühlt Theo sich in Ägypten ja recht wohl. Er hat die Entscheidung getroffen, als Fremdenführer nach Abydos zu gehen. Inwiefern dies eine freie, eine selbstbestimmte Entscheidung war, darüber würden Germanisten und Psychologen sicher gut streiten. Immer, wenn Menschen „Lust auf was Neues“ haben, wollen sie eine Art Schlussstrich unter das Alte ziehen; und dafür gibt es Gründe. Aber die interessieren im „Osiris-Punkt“ nicht besonders, denn jetzt beginnt für Theo ein Leben, das zunächst sehr selbstbestimmt wirkt. Er absolviert seine Tempelführungen, hilft an der Bar des „Osiris“, und fürs Sexuelle hat er die Bekanntschaft einer amerikanischen Archäologin gemacht. Doch von dem Moment an, in dem er im Areal des Sethos-Tempels in Abydos einen Papyrus findet, beginnt sein Leben, sich zu ändern. Er blüht auf, hat geniale Ideen und wird zum Entdecker, doch was er dabei nach und nach verliert, ist seine Selbstbestimmtheit. Je mehr er sich auf diese Geschichte einlässt, desto unfreier, allerdings auch berühmter wird er. Das könnte er nur verhindern, indem er „Nein“ sagt: Nein, ich helfe euch (den Carnavaughns) nicht bei der Suche, nein, ich will mit euch nichts zu tun haben — macht doch, was ihr wollt. Doch er sagt Ja und wird ein berühmter Entdecker. Mit Folgen.

Theos Schlüssel zur Selbstbestimmtheit läge also darin, dass er Nein zu einer guten Idee, einer Chance sagt. Jans Schlüssel zur Selbstbestimmtheit hingegen läge darin, dass er Nein zu einer negativen Idee sagt: Er könnte seine Selbstbestimmtheit nur bewahren, indem er seine Schwester gewissermaßen opfert. Um das zu verhindern, begibt er sich in äußerste Fremdbestimmtheit, was sofort negative Folgen für ihn hat. Wer diesen Gedanken jetzt weiterverfolgt, wird verstehen, dass es auch für Theo, den Entdecker, negative Folgen geben wird. Aber sie kommen langsamer, schleichender. Und so wie Jan wird er sich dann wieder hinausarbeiten müssen in die Freiheit. Wird er jemals wieder selbstbestimmt leben können, obwohl er ein berühmter Mensch ist? Und Jan — wird Jan jemals wieder das Licht der Sonne erblicken? Welche Wahlmöglichkeiten haben die beiden? Wie frei können sie jemals wieder sein?

.

.

“Wir haben Ihre kleine Schwester. Wir werden ihr kein Leid zufügen, aber dafür erwarten wir etwas von Ihnen. Sie fliegen nach Ägypten, ins Fayyum, und zwar sofort. Denken Sie daran, wir brauchen nur eine einzige Kugel, um Ihrer Schwester ein Loch in den Kopf zu pusten, und Kugeln haben wir wirklich genug.”

Wir schreiben das Jahr 2024. Al-Qaida ist besiegt. In einem jahrzehntelangen Krieg gegen den Terror haben die USA den Todfeind niedergerungen — doch um welchen Preis! Das gesellschaftliche Klima im Land ist durch Hass und Misstrauen verdorben. Alles wurde dem einen großen Kriegsziel untergeordnet, al-Qaida zu besiegen. Das “land of the free” ist zu einem Überwachungsstaat geworden. Nun braucht die Militärmaschinerie einen neuen Feind. Die neugegründete “Islamische Allianz” kommt da gerade zur richtigen Zeit.

Der deutsche Mikrobiologie und Genetiker Jan Metzner wird in diesen Konflikt hineingezogen, als seine Schwester Meike von Terroristen der Gama’a al Islamiyya entführt wird. Jan erhält den Befehl, nach Ägypten zu fliegen. So gerät er mitten hinein in den Virenkrieg, der fast unbemerkt von der Öffentlichkeit mit biologischen Waffen geführt wird. Die Situation eskaliert, als das Luxus-Kreuzfahrtschiff Queen Mary 2 von Terroristen entführt wird. Doch diese “Terroristen” sind etwas anders als erwartet …

Dies ist der Auftakt zu dem großen Roman-Epos “Virenkrieg” von Thriller-Autor Lutz Büge. Es geht um biologische Waffen, Geheimorganisationen und einsame Entscheidungen, die die Menschheit an den Rand ihrer Auslöschung führen. “Alles hängt mit allem zusammen” ist der erste von zehn Teilen des ersten Buchs von “Virenkrieg”. Das zweite Buch ist derzeit in Arbeit.

“Virenkrieg – Erstes Buch” ist in der Kindle Edition bei Amazon zum Preis von 99 Cent pro Teil für Dich zum Download als E-Book bereit. HIER geht es zum Download von Teil 1.

Mehr Information zum Roman gibt es HIER. Zudem habe ich auf dem Ybersinn, meinem Blog, eine ganze Reihe von Artikeln und Texten rund um den “Virenkrieg” veröffentlicht. Zu einer Übersicht über diese Veröffentlichungen kommst Du HIER.

 

3 Antworten auf Wie frei kann ein Mensch sein?

  1. Nefertari sagt:

    Sie koennen wahrscheinlich beide nur wieder frei sein, wenn sie sich alleine auf eine einsame Insel zurueck ziehen… Aber auch dann stellt sich die Frage, waeren sie fuer sich selbst wirklich frei?
    Ich denke, nein.
    Was beide erleben, sehe ich nicht als realitaetsfremd, ob heute oder in der Zukunft, so aehnlich koennten reale Geschichten realen Menschen passieren.

  2. Bradbury sagt:

    Freiheit ist relativ. Du kannst dich frei fühlen, bist es aber nicht wirklich. Vielleicht geht es ja nur um die Illusion von Freiheit. Ich glaube, Jan wäre schon froh, wenn er aus diesem Tiefbunker freikäme, in dem er gefangen ist.

  3. Nefertari sagt:

    Da stimme ich zu, Bradbury!
    Eigentlich koennte man jetzt fragen, was ist nicht relativ. Aber auch, was ist Illusion, Fixion, Realitaet….liegt alles im Auge des Betrachters?