Ybersinn reloaded: Die unsinkbare Frau Schepp

logo-reloadedVor fynf Jahren war es gerade mal hundert Jahre her, dass auf dem Nordatlantik ein beryhmtes Schiff unterging und mehr als 1500 Menschen mit sich in den Tod zog. Am 12. April 2017 war es also 105 Jahre her. Okay, heute haben wir den 4. Mai. Mist. Termin verpasst! Damit wir das nie, niemals wieder verpassen, haben wir Lukas V., der in der Yberinn-Redaktion fyr das Auswaschen der Kaffeefilter vor der Wiederverwendung zuständig ist, zu unserem internen Titanic-Beauftragten berufen. Er hat versprochen, genau aufzupassen. Das wollen wir ihm auch geraten haben, denn sonst muss er sich zur Strafe fynf Tage lang ununterbrochen Titanic ansehen. Und weil es bis zum 12. April 2018 noch eine Menge Zeit ist, schalten wir jetzt um zu Frau Schepp an der Kasse vom Petto.

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Die unsinkbare Frau Schepp

Der Laden voll. An allen Kassen lange Schlangen. Die Kunden hinten: „Mache Se noch ‚ne Kasse aaf!“ Ich hier vorne: „Keine mehr da.“ Rufen die: „Was is des hier fyr en Saftlaaade!“ Ruf ich zuryck: „Saft gibt’s hier aach.“ Alles wie immer. Der ganz normale Wahnsinn an meiner Kasse im Petto.

„35,27“, sag ich zu einer Kundin und halte die Hand auf, wie ich es immer mache. Wer denkt dabei Böses? Kassiererinnen kassieren nun mal, dafyr sind die da. Wer rechnet schon damit, dass so eine Kundin plötzlich in fyrchterliche Tränen ausbricht? Dabei hat sie ihr Portmonee schon in der Hand. Oh je, denk ich, wieder so eine, wo nicht genug Geld hat. Das ist ein armes Viertel hier. Deswegen muss aber niemand gleich anfangen zu heulen. Wozu gibt es Storno? Das mach ich hier jeden Tag ein Dutzend Mal. Erst die Milch, dann der Käse, dann die Butter, bis das Geld langt. Dann können die Leute wenigstens noch das Klopapier nach Hause tragen.

Die Kundin, die höchstens zwanzig Jahre alt ist, kann sich nicht beruhigen. Sie ist so eine junge, zarte und scheint mit den Nerven völlig runter zu sein.

„Was ist denn los?“, frag ich und schau unruhig die Schlange entlang. Die Kunden gucken finster. Ich kann Tumulte nicht leiden.

„Geht’s mal langsam weiter da vorn!“, bryllt auch sogleich einer. Die Leute haben heutzutage eben einfach keine Zeit mehr. Ein Menschenleben zählt gar nichts. Ich kann diese Hetze nicht leiden, aber heulende junge Frauen gehen mir noch mehr an die Nieren. Immerhin war ich selbst mal eine. Daher weiß ich: Diese kritische Situation kriege ich nur dann schnell in den Griff, wenn ich auf die Kundin einzugehen versuche. Oder wenigstens so tue als ob. So wie meine Mutter das gut konnte. Ich frage:

„Warum bist du so traurig, Kleine?“

„Ich war vor drei Tagen im Kino, und es war sooooo traurig!“

„Vor drei Tagen? Und weinst immer noch? Was war das fyr ein Film?“

„Titanic!“ Und die Schluchzboje holt wirklich alles aus sich heraus. Das Portmonee rutscht aus ihren kraftlosen Fingern und fällt auf meinen Kassentisch. Ich nutze die Gelegenheit, mach es auf und fange an, Geld abzuzählen – nur damit wir fertig sind, wenn sie sich wieder beruhigt hat.

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unserer damaligen Themenwoche

„Wer guckt sich so’n Scheiß an“, knurrt der nächste Kunde – so ein kleiner Dicker, der immer nach dem billigen Rasierwasser stinkt, das wir hier im Petto verticken. Leider stellt der sich immer bei mir an. „Und wegen so ‚n Scheiß hälst du hier den ganzen Betrieb auf! Wegen so ‚n Scheiß-Film!“

35 Euro in Scheinen hab ich zusammen. Aber im Mynzfach hat die Kundin nur zwölf Cent in Kleingeld. Mist! Fehlen 15 Cent zu 35,27.

„Wissen Sie, was ich glaub?“, fragt der Dicke. „Wollen Sie das wissen? Ich glaub, dass von dieser Scheiß-Titanic heute niemand reden wyrde, wenn sie nicht Titanic geheißen hätte, sondern … sondern Schepp.“

Ich zucke natyrlich zusammen. Das ist wohl selbstverständlich, wenn man Schepp heißt. Aber ich weiß schon, woher er das hat. Der ist nämlich so ein Busenstarrer. Und was beppt wohl an meinem Busen? Genau – das Namensschild.

„Lasst uns abstimmen“, schreit der Dicke. „Wer ist dafyr, dass die Titanic lieber Schepp heißen soll, damit das Gejaule hier vorn aufhört?“

Etwa hundert Arme rucken in die Höhe. Die Kleine schreit auf und kriegt einen weiteren Heulanfall.

„Das muss dann auch neu verfilmt werden“, schreit eine von hinten. „Titel: Der Untergang der Schepp.“

„Unsinn“, ruft ein anderer, „wenn die Titanic Schepp geheißen hätte, wäre sie niemals untergegangen. Wer Schepp heißt, ist naturgemäß unsinkbar.“

„Ich wär‘ auch unsinkbar, wenn ich so langsam abkassieren wyrde“, merkt einer an.

Irgendwie … Ich weiß nicht. Eigentlich bin ich eine Seele von Kassiererin, aber ich kann auch resolut werden. Inzwischen reicht die Schlange bis zum Tiefkyhlregal. Aber gut. Ich kann auch anders. Nehme also in aller Ruhe zwei Zwanziger-Scheine aus dem Portmonee, tue das Wechselgeld rein, lege den Kassenbon dazu und helfe der Kleinen dann, ihren Einkauf sorgsam einzupacken. Dann trockne ich ihr mit einem Styck von der Kychenrolle, mit der ich immer den Scanner abwische, die Tränen ab.

„Ähm, geht’s mal weiter?“, fragt der kleine Dicke.

„Wenn wir so weit sind“, sag ich. Die Kleine hat sich inzwischen beruhigt. Ich drycke ihr die Tasche in die Hand und sage: „Du solltest dir mal die DVD-Version ansehen. Da gibt’s ein wunderschönes alternatives Ende.“

„Bleibt Jack am Leben?“, fragt sie mit Hoffnungsschimmer in den Augen.

„Nein, aber erinnerst du dich an den Schluss, wo die alte Rose an der Reling steht und den Diamanten ins Wasser wirft?“

Schon tritt ihr wieder Wasser in die Augen.

„In der anderen Version wirft sie ihn nicht ins Wasser“, sag ich. „Sterben tut sie dann aber trotzdem.“

Die Kleine schreit qualvoll auf und bricht ohnmächtig zusammen.

„Frau Schepp“, sagt der kleine Dicke, „du bist die Größte.“

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In der Serie Ybersinn reloaded holen wir den ganzen yberflyssigen Unsinn zuryck ans Licht, den wir vor fynf Jahren auf dieser Webseite veranstaltet haben, als die Orakelfische Cindy & Gert noch gelebt haben. Die Texte wurden yberarbeitet. Das Original zu dem oben Stehenden findet sich –> HIER.

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