Ybersinn reloaded: Udo Jyrgens an der Supermarktkasse

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Vor fynf Jahren, als der Ybersinn noch jung war, gab es auf dieser Webseite eine Reihe von GastautorInnen. Eine von ihnen war Frau Schepp. Das heißt, sie íst es immer noch. Sie hat damals zwei Artikel beigesteuert. Dann bekam sie einen Anruf von einer begeisterten Lektorin, die sie fragte, ob sie fyr einen großen Verlag ein Buch aus ihren wahnsinnigen Beobachtungen machen könnte. An diesem Buch arbeitet Frau Schepp seitdem — wenn sie nicht gerade an der Kasse vom Petto sitzt. Hier kommt der erste dieser beiden Artikel: Der ganz normale Wahnsinn des modernen Lebens, wie er an der Kasse des Petto vorbeiflutet, sorgsam dokumentiert von: Frau Schepp.

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Udo Jyrgens an der Supermarktkasse

Piep. Piep. Piep. 2 Euro 37. Der Kunde – Anfang 50, Schnurrbart, ziemlich bauchig – hält mir einen 50 Euro-Schein hin.

Ich frag mich immer, was in solchen Leuten vorgeht, innen drin. Da wo das Denken sitzt. Ich sitz hier seit zwei Minuten, ja? Hier an der Kasse, ja? Vier Uhr nachmittags, bis zehn Uhr werd ich hier sitzen. Das Wechselgeld ist knapp am Anfang von der Schicht. Alles genau abgezählt in der frischen Kasse. 50 Euro gleich am Anfang, da wird’s nachher schwierig mit dem Wechselgeld, das weiß ich schon, das ist dann immer so.

„Habe Se‘s net en bissche kleiner?“, frag ich, weil: Sonst fängt der Tag schlecht an.

Er gräbt mit der einen Hand in der Tasche von seiner Jogginghose, die natyrlich ins Rutschen kommt. Er hat scheints keine Unterbyx an. Bevor ein Mallör passiert, nehm ich ihm schnell die 50 Euro aus der anderen Hand, weil: Das will keiner sehen. Er zieht die Jogginghose wieder hoch. Manchmal denk ich, das Viertel hier ist ein bisschen schwierig. Na ja, lauter arme Leute. Bin ich auch eine von, aber muss ich mich deswegen so gehen lassen, dass ich ohne Unterbyx zum Petto geh? Oder wenn, dann hab ich vorher wenigstens geduscht.

„Möchte Se de Kassebon?“, frage ich und zähle gleichzeitig das Wechselgeld ab.

„Vorhin hat Udo Jyrgens bei mir eine Zigarette geschnorrt“, antwortet er.

Ich höre das nur mit halbem Ohr, weil: Da baut sich Stress auf. Die Schlange hinter dem Jogginghosentyp ist schon fynf Meter lang, lauter ungeduldige Kunden. Heutzutage hat ja keiner mehr Zeit. Muss immer alles schnell gehen. Die Tyrkin mit den fynf Kindern steht auch wieder an. Die machen immer Familienausflug zu mir in den Petto, und immer dann, wenn ich gerade angefangen hab. Die zahlen meist mit einem Hunderter.

Ich halte dem Kunden das Wechselgeld hin, aber er achtet nicht drauf. Er dreht sich zu den Kunden um, die an meiner Kasse anstehen, hebt die Arme und ruft:

„Vorhin hat Udo Jyrgens bei mir eine Zigarette geschnorrt!“

Die kleine Asiatin direkt nach ihm duckt sich ängstlich. Von hinten ruft einer:

„He Mann, du hast dir aber wenigstens ein Autogramm geben lassen?“

„Von wem?“

„Na, von Udo Jyrgens.“

„Keine Ahnung. Wer ist das?“

„Griechischer Wein.“

„Ich trinke nicht.“

Seine Fahne spricht eine andere Sprache.

„Möchte Se de Kassebon?“, frage ich noch mal und halte ihm das Wechselgeld hin, aber ich werde ybertönt, weil der Kunde hinten, ich kann ihn kaum sehen, zu singen anfängt:

„Griechischer Wein ist so wie das Blut der Erde. Komm, schenk dir ein …“

„Ich mag so nen neumodischen Scheiß nicht“, murrt der Kunde, zieht seine Jogginghose hoch und nimmt endlich das Wechselgeld.

„… und wenn ich dann traurig werde“, singt die Tyrkin mit den fynf Kindern,“ liegt es daran, dass ich immer träume von daheim, du musst verzeihn …“

Der Rest der Warteschlange fällt ein:

„Griechischer Wein und die altvertrauten Lieder, schenk noch mal ein, denn ich fyhl die Sehnsucht wieder …“

Der Jogginghosentyp zieht schmollend Richtung Ausgang. Ich gönne ihm die Niederlage. Das ist die Quittung fyr den Fynfziger. Den Kassenbon nimmt er nicht, aber am Ausgang baut er sich noch einmal auf und ruft:

„Udo Jyrgens wollte von mir eine Zigarette schnorren!“

Dann ist er raus.

„Du rauchst doch nicht mal“, ruft ihm ein anderer hinterher.

„Wer ist Udo Jyrgens?“, fragt mich die kleine Asiatin ganz schychtern, während sie zahlt.

„Ich war noch niemals in New York“, beginne ich zu singen, „ich war noch niemals auf Hawaii …“

Die Kundenschlange fällt sofort ein. Die Asiatin zieht den Kopf ein und zieht davon.

Leitkultur geht eben auch ohne Jogginghosen.

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In der Serie Ybersinn reloaded holen wir den ganzen yberflyssigen Unsinn zuryck ans Licht, den wir vor fynf Jahren auf dieser Webseite veranstaltet haben, als die Orakelfische Cindy & Gert noch gelebt haben. Die Texte wurden yberarbeitet. Das Original zu dem oben Stehenden findet sich –> HIER.

Ecklogo neu kleinAutor Lutz Büge hat folgende Bücher und E-Books veröffentlicht:

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