Ybersinn reloaded: Rallye mit Regenschirm

logo-reloadedViele Menschen verbinden mit Urlaub Faulsein pur. Pool, Fyße hoch, Cocktail in der Hand und so weiter. Aber dann darfst Du Dir nicht ausgerechnet Malta als Urlaubsziel aussuchen. Wir schwebten topfit und um fynf Kilo leichter wieder in Frankfurt ein.

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Rallye mit Regenschirm

Sie heißt Edeltraut und ist unsere Gästefyhrerin auf dem Bus-Tagestripp nach Gozo, der kleinen Nachbarinsel von Malta. Manchen ihrer Bemerkungen schickt sie ein Lachen hinterher zum Zeichen, dass sie einen kleinen Witz gemacht hat – eine sympathische Interpretationshilfe, die sofort fyr Edeltraut einnimmt. „Die ist lustig“, kommentiert Herr Schulze aus Berlin auf der Bank hinter mir gut gelaunt und umklammert seine Gehhilfe. Und auch Frau Raustrupp aus Hamburg findet: „Das kann ja heiter werden“. Dabei zieht sie ihr leuchtend rotes Windjäckchen fest um den Hals in Erwartung von Zugluft. Ihr Mann ruckelt derweil schweigend an seinen dritten Zähnen, um sich zu vergewissern, dass die Haftcreme hält. Frau Raustrupp patscht ihm auf die Hand.

Dryben auf Gozo, als wir mit einem Strom anderer Touristen von der Fähre kommen, reckt Edeltraut ihren geschmackvoll gefärbten Regenschirm, der sie als Gästefyhrerin ausweist, und und ruft: „Zu Edeltraut!“ Der Ruf ist dringend nötig angesichts der Menschenmassen, die von der Fähre strömen. Sofort rottet sich Edeltrauts Gruppe um ihre Gästefyhrerin, während nur wenige Schritte weiter ein konkurrierender Gästefyhrer einen roten Knirps in die Höhe reckt und „Zu Martin!“ schreit. Noch ein paar Schritte weiter: „Zu Susanne!“ Herr Schulze reckt drohend seine Gehhilfe hinyber zur Martin-Gruppe, und Frau Raustrupp sendet einen vernichtenden Blick, während sie ihr Windjäckchen um den Hals zuhält.

„Das ist unser Bus“, erklärt Edeltraut und weist den Weg. „Auf die Plätze – fertig – Los!“ Es ist gut zu wissen, dass wir eine Gästefyhrerin haben, die sich mit einem Minimum an Worten auszudrycken versteht. Schwupps sind wir alle im Bus. Das haben wir neulich ja schon geybt. Herr Schulze mit seiner Gehhilfe kommt als letzter ins Ziel, obwohl seine Frau ihn vorangezerrt hat. Jetzt muss er im Bus ganz nach hinten durchgehen. Dadurch verlieren wir wertvolle Zeit, aber trotzdem ist unser Bus der erste, der vom Parkplatz rollt. Leider hat Herr Schulze zu diesem Zeitpunkt seinen Platz noch nicht erreicht; er landet in den Armen des Wasseringenieurs a.D. Herrn Hafflinger, als der Bus sich schwungvoll in die erste Kurve legt.

„Ich begryße Sie auf der Insel Gozo“, sagte Edeltraut durchs Mikro und lacht. Der ganze Bus, durchflutet vom ersten Erfolgserlebnis des Tages, lacht mit ihr. Auch ich, obwohl mir der Witz nicht ganz einleuchtet. Edeltraut weiter: „Als erstes fahren wir nach Xaghra und besichtigen den Ggantija-Tempel, der zu den ältesten freistehenden Bauwerken der Erde gehört. Er ist rund 1000 Jahre älter als die ältesten ägyptischen Pyramiden. Anschließend …“

„Sie kommen!“, bryllt von ganz hinten Herr Schulze. Alle Köpfe rucken herum. Hinter uns ist in inakzeptabler Entfernung ein Reisebus aufgetaucht.

„Keine Panik“, beruhigt uns Edeltraut. „Ich hab Godfrey, unserem Fahrer, gesagt, dass er einen Zahn zulegen soll.“

Unwillkyrlich fällt mein Blick auf Frau Raustrupps Mann, dessen Finger soeben ertappt hinabsinken. Unser Bus macht derweil einen Satz nach vorn durch die nächste Kurve. Es ist nicht die letzte. Gozo ist erstaunlich kurvenreich. Viele bleiche Gesichter, als wir am Ggantija-Tempel ankommen. Edeltraut steht neben dem Ausstieg und stoppt die Zeit, die wir brauchen, bis auch Herr Schulze den Bus verlassen hat. Ihre Miene spricht Bände. Doch dann reckt sie ihren Schirm.

„Wir sind hier an einem Flecken dieser Welt, den Sie in aller Ruhe auf sich einwirken lassen sollten. Der megalithische Tempel, den wir gleich besichtigen werden, ist rund sechstausend Jahre alt und …“

„Sie kommen!“, ruft der Wasseringenieur a.D. Herr Hafflinger, der den Horizont im Auge behalten hat.

„… und hier vor sich sehen Sie Eingangstor und Kassenhäuschen des Ggantija-Tempels. Bitte wieder einsteigen.“

Mit quietschenden Bremsen hält der Bus der Martin-Gruppe neben unserem, doch da sind wir schon alle wieder eingestiegen. Herrn Schulzes Gehhilfe fegt dem Wasseringenieur a.D. Hafflinger beinahe die Brille von der Nase, als wir uns in die erste von vielen weiteren Kurven legen; Schulze ist mal wieder nicht schnell genug auf seinem Platz und wird nun von Frau Schulze dafyr ausgeschimpft. Derweil werden wir von der lachenden Edeltraut daryber informiert, dass wir uns bei Interesse in unseren Reisefyhrern yber den Ggantija-Tempel informieren können. Der ganze Bus lacht mit.

Nächste Etappe: die Basilika Ta’Pinu, eines von rund 7328 Marienheiligtymern auf Gozo, aber nicht das Unwichtigste. Was Ta’Pinu allerdings gegenyber den rund 7327 anderen gozitanischen Marienheiligtymern auszeichnet, erfahren wir nicht, denn es erschallt der Ruf „Sie kommen!“ Edeltraut muss nichts mehr sagen. Herr Schulze fällt der Länge nach zwischen den Sitzreihen hin, als der Bus anfährt. „Der Abstand ist größer geworden“, meint Herrn Schulzes Frau. Ich teile diesen Eindruck nicht unbedingt.

Wir fahren zum Blauen Fenster, einem angeblich monumentalen Felsbogen am Meer (R.I.P.), doch was daran monumental sein soll, erfahren wir nicht. Kaum sind wir ausgestiegen, da kommen sie, und offenkundig haben sie aufgeholt. So schnell sind wir noch nie wieder eingestiegen! Edeltraut geht mit katzenhafter Gewandtheit durch den schlingernden Bus und zeigt eine Postkarte vom Blauen Fenster herum: „Damit Sie einen Eindruck haben.“ Nebenbei hilft sie Herrn Schulze aufzustehen.

Fontana. „Hier haben Sie Gelegenheit, kostenlos einige regionale Spezialitäten zu degoustieren“, lacht Edeltraut. Das Antwortlachen fällt verhalten aus. Frau Raustrupps Mann hält sich die Hand vor den Mund, und von vorn verbreitet sich die Nachricht, dass Frau Schäfer sich erbrochen haben soll. Ich kenne keine Frau Schäfer.

Mit quietschenden Bremsen hält der Bus im Dorf Fontana. Torkelnd steigen wir aus. Als wir zwei Minuten später wieder im Bus sitzen – sie sind gekommen! –, sind die Probiervorräte an regionalem Schnaps bei den bäuerlichen Anbietern erschöpft, aber einigen von uns geht es sichtlich besser. Bis auf den Wasseringenieur a.D. Herrn Hafflinger, der keine Gelegenheit gefunden hat, auf die Toilette zu gehen.

Kyrzen wir die Sache etwas ab. Acht weitere gozitanische Sehenswyrdigkeiten wurden von uns aufs Gryndlichste erkundet und gefyhlte 8000 gozitanische Kurven erfahren. Der Abstand auf unsere Verfolger vergrößerte sich von nun an ständig. Ferner ist zu berichten, dass Frau Raustrupps Mann beim Einsteigen in Xlendi yber die Stufen stolperte, worauf sein Gebiss sich selbstständig machte und unserem Fahrer Godfrey vor die Fyße rutschte. Beim abschließenden Dauerlauf rund um die Zitadelle von Victoria warf außerdem Herr Schulze seine Gehhilfe von sich und rief hocherfreut: „Ich kann wieder laufen!“ Das harte Training hat sich also bezahlt gemacht. Der Wasseringenieur a.D. Herr Hafflinger musste mit dem Toilettenbesuch warten, bis wir wieder auf der Fähre waren. Da andere Passagiere ähnliche Nöte litten, erlangte er nicht in der erwynschten Frist Zutritt zur Erleichterung und verschaffte sich diese yber die Reling hinweg – leider gegen den Wind. Und Frau Raustrupp war am nächsten Tag erkältet. Trotz Windjäckchen. Die Zugluft. Doch der Aufwand hat sich gelohnt. Wir erreichten die Fähre zehn Minuten vor dem nächsten Verfolger und dyrfen nun auf einen Eintrag ins Guinessbuch der Rekorde hoffen, dank einer Fahrtzeit von knapp yber zwei Stunden. Ein ausgesprochen erfolgreicher Tag.

Ybrigens habe ich beschlossen, im nächsten Leben Regenschirmdesigner zu werden und eine Linie „Edeltraut“ zu kreieren.

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In der Serie Ybersinn reloaded holen wir den ganzen yberflyssigen Unsinn zuryck ans Licht, den wir vor fynf Jahren auf dieser Webseite veranstaltet haben, als die Orakelfische Cindy & Gert noch gelebt haben. Die Texte wurden yberarbeitet. Das Original zu dem oben Stehenden findet sich –> HIER.

Ecklogo neu kleinAutor Lutz Büge hat folgende Bücher und E-Books veröffentlicht:

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Eine Antwort auf Ybersinn reloaded: Rallye mit Regenschirm

  1. Edith Matejka sagt:

    Lieber Herr Ybersinn,
    lassen Sie sich in Ihrem Designerleben dann bitte von den ‚Parapluies de Cherbourg‘ inspirieren oder den renommierten Regenschirmen der Firma Piganiol in Salers inspirieren. Vielleicht wissen Sie gar nicht, wo und was Salers ist. Außer einer Käsesorte (hoffentlich haben Sie die mitgezählt in Ihrer Bemühung, die Anzahl der Käsesorten zu bestimmen) und einer Rinderrasse (es gibt nicht nur Limousin-Rinder!) ist es ein malerisches mittelalterliches Städtchen im Département Cantal (noch eine Käsesorte) in der Region Auvergne (auch eine Käsesorte?).
    Vielen Dank für die Gelegenheit, für unsere in Vergessenheit geratenden und von der Landflucht bedrohten Gegenden Werbung machen zu dürfen.

    Viele Grüße aus Limoges (ex-Limousin, jetzt Nouvelle Aquitaine)

    PS: Bei uns ist das Wetter fast immer so schön, dass man keinen Regenschirm braucht. Es wird fast nur für den Export produziert.
    Bei uns braucht man auch keine Fähre und im Bus kann es einem auch nicht schlecht werden. Denn für solche Fahrzeuge sind die kurvigen Sträßchen gar nicht geeignet.

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