Anthrax, Pest und Pocken

Virenkrieg Cover 001„Der Tod des Senators“ blendet fast zwei Jahre zurück. Teil 4 meines neuen Romans verlässt die Haupt-Erzählebene von „Virenkrieg“ und erzählt eine Vorgeschichte, ohne die Jans weitere Geschichte unverständlich bliebe. Michael Schwartz, Jans bester Freund, ältester Sohn des angesehenen US-Senators Philipp Schwartz, glaubt nicht an die offizielle Version, derzufolge sein Vater bei einem Sportunfall ums Leben gekommen ist. Er hat den Verdacht, dass sein Vater in Wirklichkeit ermordet worden ist. Sein Vater hatte schreckliche Angst vor Biowaffen …

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Anthrax, Pest und Pocken

Es gibt in Teil 4 „Der Tod des Senators“ eine beklemmende Szene, in der Vater und Sohn Schwartz mit dem Auto hinauf in die Green Mountains fahren, in eine Gegend, wo sie völlig allein inmitten freier Natur sind. Sie wollen ungestört miteinander reden. Trotzdem spricht der Senator nur mit gedämpfter Stimme, während er den Motor laufen lässt — als glaube er, selbst hier oben abgehört zu werden. Übertriebene Vorsicht? Paranoia? Mit Engelszungen redet er auf seinen Sohn ein, um ihn dazu zu bewegen, nicht nach Arizona zu gehen und beim Fupro-Projekt mitzuarbeiten: Dort gehe es entgegen dem schönen Schein um nichts anderes als darum, neue Bakterien und Viren zu entdecken, die sich als biologische Waffen einsetzen ließen. Michael wagt den Einwand, dass die USA im Jahr 1972 der UN-Biowaffenkonvention beigetreten seien, die Entwicklung, Herstellung und Lagerung biologischer Waffen verbiete. Darauf fährt der Senator erst recht aus der Haut:

„Glaubst du wirklich, dass die UNO-Hasser in Washington sich an UN-Konventionen halten?“

„Beweismaterial“ für irakische Massenvernichtungswaffen, vor der UNO präsentiert von Colin Powell im Februar 2003

Diese Passage ist — wie vieles im „Virenkrieg“ — eine Fiktion vor realem Hintergrund. Tatsächlich hat es US-Regierungen gegeben, die die UNO und all ihre Regularien lediglich als lästigen Hemmschuh betrachteten, den es abzustreifen galt. Die Rede ist natürlich vor allem von George W. Bush und seinen beiden Präsidentschaften. Für den Afghanistan-Einsatz, der von Anfang an kein Blauhelm-Einsatz war, sondern ein sogenannter friedenerzwingender Einsatz, holten sich die Amerikaner noch eine UN-Resolution, so dass der Einsatz im Einklang mit dem Völkerrecht war. Für ihre Irak-Invasion verzichteten sie letztlich darauf, nachdem alle Versuche, erstens eine Verbindung zwischen dem Hussein-Regime und al-Qaida zu beweisen und zweitens zu belegen, dass die Irakis Massenvernichtungswaffen hatten, gescheitert waren. Sie brachen das Völkerrecht und marschierten ohne UN-Mandat ein.

Die ablehnende Haltung der USA gegenüber der UNO zeigte sich auch noch in einem anderen Punkt: Zwar sind die USA der UN-Biowaffenkonvention beigetreten, doch haben sie verhindert, dass ein Zusatzprotokoll zur Konvention ausgehandelt werden konnte, das regelmäßige Kontrollen in den Vertragsstaaten zur Folge gehabt hätte. Entsprechende Verhandlungen ließ die Bush-Regierung im Juli 2001 scheitern. Die US-Verhandler kritisierten, dass die ausgehandelten Regelungen zu weich seien. Sie hätten allerdings in den vorangegangenen Verhandlungen die Möglichkeit gehabt, entsprechend schärfere Regelungen durchzusetzen. Das taten sie nicht — aus Desinteresse an der UNO? Aus Interesse daran, das Protokoll einfach scheitern zu lassen? Die Biowaffenkonvention blieb der zahnlose Tiger, der sie von Anfang an war. Und das, obwohl bis zum Jahr 2013 169 Staaten der Welt der Konvention beigetreten waren. (Hier ein Bericht auf heise.de von 2001.)

Dabei kam der Wille, ein Zusatzprotokoll auszuhandeln, nicht von ungefähr. Im Jahr 1992 war herausgekommen, dass Russland sein Biowaffen-Forschungsprogramm keineswegs eingestellt hatte, obwohl es der Konvention beigetreten war. 1995 gab es Berichte, dass Saddam Hussein Gefechtsköpfe von Scud-Raketen, mit denen er Israel erreichen konnte, mit Anthrax-Bakterien hatte befüllen lassen. Die Weltgemeinschaft hatte also gute Gründe, die Sache mit den biologischen Waffen besser in den Griff zu bekommen. Sie scheiterte an den USA.

Deren Motive bleiben unklar. Erzwangen sie das Scheitern des Protokolls allein aus Hass auf den Debattierklub UNO oder befürchteten sie, dass ihre eigene Biowaffenforschung publik werden könnte? Denn natürlich forschten die USA — und viele andere Länder — permanent an Biowaffen, und zwar aus Gründen der Seuchenvorsorge und der „Biodefense“, also der Abwehr von Angriffen mit biologischen Waffen. Dazu muss man natürlich jederzeit auf dem aktuellen Stand sein, denn man muss ja eine Ahnung haben, mit welchen Bakterien oder Viren man angegriffen werden könnte. Also haben auch die USA mutmaßlich weiter an Anthrax, Pocken, Pest und Hasenpest geforscht.

Zentrale des CDC. Foto: Daniel Mayer

Das dürfte überwiegend an den Einrichtungen des Centers for Disease Control and Prevention (CDC) geschehen sein, einer Bundesbehörde der USA, deren Zentrale in Georgia angesiedelt ist. Die CDC sind neben dem russischen Forschungszentrum VECTOR in Kolzowo zurzeit offiziell die einzige Einrichtung weltweit, in der noch Restbestände des ansonsten ausgerotteten Pocken-Virus gelagert werden, des gefährlichsten Virus‘ der Welt.

Die Angst vor Anschlägen mit Biowaffen kommt nicht von  ungefähr, auch wenn manche Wissenschaftler darin überwiegend Paranoia sehen. In einer spannenden Serie „Biowaffen: Tödliches Wissen“ berichtete die Technology Review im Jahr 2006, wie ein sowjetischer Überläufer vor einer internationalen Konferenz erzählte, wozu man schon in der Sowjetunion fähig gewesen sei. Damals natürlich unter hohem Aufwand an Arbeitseinsatz und Geld. Heutzutage lasse sich das viel einfacher machen, und grundsätzlich seien alle Geräte, die dafür gebraucht würden, bei Ebay zu bekommen.

Da mutet es fast schon ein wenig komisch an, wenn man ins Jahr 2012 zurückblickt und die heißen Debatten Revue passieren lässt, die damals in der Wissenschaftsgemeinde darüber geführt wurden, ob die Rotterdamer Ergebnisse publiziert werden sollten oder nicht. Dort, am Erasmus Medical Center, hatte ein Wissenschaftler-Team mit dem Erreger der Vogelgrippe experimentiert. Ybersinn-Leserinnen und -Leser erinnern sich: Der Vogelgrippe-Erreger ist ein Influenza-Virus namens H5N1, das lebensgefährlich ist, das aber eher von Vogel zu Mensch weitergegeben wird als von Mensch zu Mensch; die Vogelgrippe ist eigentlich eine Tierseuche. Das bedeutet, dass sie schlecht dazu geeignet ist, eine globale Pandemie unter Menschen auszulösen. In Rotterdam war es nun gelungen, das Virus ansteckender zu machen, so dass es mutmaßlich sehr viel leichter von Mensch zu Mensch übertragen werden konnte. Mit Frettchen zumindest funktionierte das plötzlich sehr gut.

Im Prinzip haben die Rotterdamer Wissenschaftlter damit Biowaffenforschung betrieben, auch wenn es ihnen um etwas völlig anderes ging. Die Seuchenforscher gehen derzeit weltweit davon aus, dass uns jederzeit eine Pandemie ins Haus stehen könnte, eine globale Epidemie mit bisher vielleicht sogar noch unbekannten Erregern, die tödlicher sind als gewöhnliche Grippeviren. Zu diesen tödlichen, wenn auch nicht unbekannten Erregern gehört H5N1, das eine Mortalitätsrate von 50 Prozent besitzt, d.h. Infizierte haben eine Chance von eins zu eins, die Erkrankung zu überleben. In Rotterdam ging es nun darum herauszufinden, wie groß die Gefahr ist, dass H5N1 ansteckender und damit gefährlicher wird. Ergebnis: Die Gefahr ist riesig! Es kann jederzeit geschehen, dass H5N1 mutiert und dass eine Variante entsteht, die Menschen viel leichter infiziert als die Variante, die 2006 für Schlagzeilen sorgte. Dafür sorgt die natürliche Mutabilität des Virus‘, die keine Manipulation durch den Menschen benötigt.

Die Rotterdamer Forscher vollführten also einen moralisch-ethischen Drahtseilakt, als sie sich dafür entschieden zu publizieren, wie man H5N1 gefährlicher macht. Ein US-amerikanisches Forscherteam, das an der Universität von Wisconsin am gleichen Thema gearbeitet hatte, veröffentlichte seine Ergebnisse nicht. Begründung: Man wolle mutmaßlichen Terroristen keine Anleitung zum Biowaffenbau geben. Die Seuchenforscher vom CDC werden die Ergebnisse aber gewiss mit großem Interesse aufgenommen haben.

Bei all diesen Experimenten und Versuchen muss eines klar sein: Die Biowaffen-Forschung, ob defensiv oder nicht, konzentriert sich auf eine relativ kleine Zahl von Erregern, mit denen hantiert wird. Bei den Bakterien sind das Anthrax, Pest und Hasenpest, bei den Viren geht es um Pocken, Ebola, Polio und noch ein paar andere. Das Schwergewicht dürfte sich in naher Zukunft in Richtung der Viren verschieben, denn auch wenn die Pocken ausgestorben sein mögen, kursieren alle nötigen Informationen über das Genom des Pocken-Virus‘ im Internet, und es gibt bereits heute Maschinen, mit denen sich das Erbgut dieser Viren synthetisch herstellen lässt. Im „Virenkrieg“ heißen solche DNA-Synthese-Maschinen etwas sperrig „Genkonstruktor“.

Doch was tun wir, wenn aus einer völlig unvermuteten Ecke unseres Planeten plötzlich ein Krankheitserreger auftaucht, mit dem wir bisher noch keinerlei Erfahrungen gemacht haben? Das Mikroversum — also das Universum der mikroskopisch kleinen Lebensformen — ist zum gegenwärtigen Zeitpunkt in einem Ausmaß erforscht, die etwa der Fläche entspricht, die ein Fußball beansprucht, wenn er ruhig auf dem Spielfeld liegt; und die Fläche des Spielfeldes, die er zu diesem Zeitpunkt nicht bedeckt, entspricht dem unerforschten Teil des Mikroversums. Die Möglichkeit besteht, dass die Menschheit es hier mit einer potenziell unendlichen Aufgabe zu tun hat, denn dort, in der Welt der Mikroben, läuft die Evolution viel schneller ab als bei den mehrzelligen Organismen; dauernd entstehen neue Arten. Wahrscheinlich ist es schlicht unmöglich, einen vollständigen Überblick zu bekommen.

So halte ich es also mit Michael Schwartz, der hin- und hergerissen ist zwischen der Faszination, die das Fupro-Projekt für ihn hat, und der Angst, dass dabei etwas entdeckt werden könnte, was lieber weiter hätte schlafen sollen. Denn in der fiktiven Zukunft des „Virenkrieg“ haben die USA nie aufgehört, aktiv Biowaffen zu entwickeln.

Michael möchte forschen. Alle „Virenkrieg“-Leserinnen und -Leser werden erleben, was er dabei entdeckt.

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Virenkrieg Cover 001„Verehrte Herren, lassen Sie mich nun zum Punkt kommen. Welche Kriterien zeichnen ein echtes Killervirus aus? Ich glaube, es sind vier:
Erstens: Hohes Ansteckungspotenzial. Es kann leicht übertragen werden. Unübertroffen ansteckend ist  das Pocken-Virus, aber auch Influenza-Viren wie H5N1 können das gut.
Zweitens: Hohe Sterbequote mit dem Potenzial, selbst das beste Gesundheitssystem zum Zusammenbruch zu bringen. Unübertroffen: das Marburg-Virus mit bis zu 90 Prozent Toten.
Drittens: Mieses Image. Unser Killervirus löst Panik aus und lässt das gesellschaftliche Zusammenleben zum Erliegen kommen.
Viertens: Kein Gegenmittel. Es steht kein Impfstoff zur Verfügung und es kann in der Eile auch keiner hergestellt werden. Im Idealfall sollte es sich also um ein unbekanntes Virus handeln, das noch nicht erforscht werden konnte.
Und damit kommen wir zum Kern dieser Veranstaltung, sehr geehrte Herren, denn ich hätte hier etwas für Sie, hier in diesem kleinen, unscheinbaren Hochsicherheitsbehälter …“
Auszug aus den SCOUT-Protokollen, März 2017

Böse? Das war erst der Anfang. Mehr gibt es –> HIER.

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2 Antworten auf Anthrax, Pest und Pocken

  1. Xiane sagt:

    Pannayia…
    Trotz zur Zeit erschwerter Lesebedingungen habe ich ’s geschafft, Teil 4 jetzt am PC zu lesen… und auch dieser hält, was du versprochen hast, lieber Lutz.
    Ich kann mich einfach nicht damit abfinden, dass immer dann, wenn ich auf die Fortsetzung warte, plötzlich „Ende“ da steht.
    Es fasziniert mich, wie du den roten Faden – trotz Rückblick und unterschiedlicher „Menschenprioritäten“ , verfolgst, d.h. den Überblick nicht verlierst…
    Und deine vorangegangenen und ergänzenden Hintergrundinformationen tragen entschieden dazu bei, das spannende Werk nicht einfach nur als Fiction runterzulesen… Gruselig, was da alles ans Tageslicht kommt.
    Schade, dass der 26.12. nicht morgen ist.

  2. Bradbury sagt:

    Kurze Rückmeldung auch von mir. Du erzählst sehr viel und ich weiß nicht, ob Du das alles für den Roman wirklich brauchst, aber es ist jedenfalls immer interessant und nie langweilig. In Teil 3 und 4 war nun sehr deutlich zu spüren, dass die Spannung gesteigert wird, und ich habe beim Lesen das Gefühl, dass das alles sehr genau und sehr gründlich durchkomponiert ist. Zum Beispiel hat mir ganz ausgezeichnet gefallen, wie Du Michaels Urlaub bei Jan, den Du schon vorher erwähnt hattest, in Teil 4 aus Michaels Perspektive beschreibst. Da erfährt man dann Dinge … So was macht mir Gänsehaut.
    Ich bin sehr, sehr gespannt darauf, wie es weitergeht.