„Gisela, mach mal die Kychentyr von drinnen zu!“

Eine Ära geht zu Ende, die Ära der Ybersinn-Orakelfische Cindy & Gert. Da fyhlt sich Ybersinn-Chef Ingelburt M. Humperdinck verpflichtet, einen Nachruf zu diktieren. Wie immer sitzt der schwerhörige Herr dabei in seinem Ohrensessel. Der Protokollant darf wieder vor ihm auf dem Boden sitzen, während des Professors Frau in der nahen Kyche werkelt. Laut gesprochene Passagen sind kursiv und fett gesetzt.

„Gisela, mach mal die Kychentyr von drinnen zu!“

Als ich das erste Mal von den Orakelfischen Cindy & Gert hörte, hatte Gisela gerade Tee gekocht. Leider hatte sie auch wieder vergessen, den Zucker dazu zu stellen, was mich immer sehr aufregt. Ist es denn so schwer, an den Zucker zu denken, wenn man mir den Tee bringt? Das will nicht in meinen Kopf. Daher hörte ich von Cindy & Gert nur mit halbem Ohr. Aber das genygte, und ich vergaß Gisela auf der Stelle. Ich glaube, es war im Jahr 2008. — Was? — Entschuldigen Sie bitte, Gisela ruft mal wieder dazwischen. — Was sagst du? 2007? — Gisela meint, es war 2007. Sie ist gerade in der Kyche und sucht den Zucker.

2007 also hatte Gisela mir gerade den Tee gebracht, als ich von Cindy & Gert hörte. Das war im Radio. Es wurde die Nachricht gebracht … — Was? Nicht im Radio? — Dann war es eben im Fernsehen, meine Gyte, was spielt das denn fyr eine Rolle? — Was? Gisela, ich arbeite … Kannst du bitte mal ausnahmsweise nicht zuhören? — So, wo war ich? Ach ja, bei der Nachricht, dass Cindy & Gert das Platzen der US-Immobilienblase und das Ende der Investmentbank Lehman Brothers geweissagt hatten. Und zwar 2007. Das war insofern eine bemerkenswerte Leistung, als Lehman erst im Jahr 2008 unterging. Aber die Orakelfische wussten das schon 2007. Aha, dachte ich — ein Orakel!

Natyrlich lachte die ganze Welt yber die Weissagung. Ich aber, ich lachte nicht. Dafyr gibt es einen einfachen Grund: Und zwar waren die Orakelfische auf der Basis eines meiner Bycher zu ihrer Prognose gekommen. Es heißt „Humankapital im Meso-Amerika zur Zeit der Conquista“ und ist heute ein Standardwerk der Mesoamerikanistik, wie ich nicht ohne Stolz … — Was? Das hast du dir gedacht? Gisela, das interessiert jetzt aber niemanden, was du dir gedacht hast! Was? Ich soll nicht immer meine eigenen Leistungen so in den Vordergrund stellen? Aber wieso denn das nicht, Gisela? Ich bin nun einmal ein beryhmter Professor! Was? Weil es sich nicht gehört, während man einen Nachruf auf Andere verfasst? Ich schlage vor, du findest jetzt langsam mal den Zucker, ja Gisela? Danke! Es ist nämlich nicht zu verantworten, dass der Tee hier ungenutzt kalt wird.

Ja, ich beschloss dann in meiner Verblyffung, dass die Zeit gekommen sei, die Gabe der Weissagung, also der Präkognition, wissenschaftlich zu erforschen. Ich begryndete die Wissenschaft der Präkognistik, rief den Ybersinn ins Leben, schloss einen Vertrag mit Cindy & Gert und holte sie zum Ybersinn, um das Phänomen zu erforschen — und da sind wir nun. — Was? Dein Lieblingsorakelspruch ist der mit der Laterne? Aber Gisela, wen interessiert denn das, was dein Lieblingsorakelspruch ist? Was? Ich soll nicht immer so garstig sein? Aber warum denn nicht, Gisela? Hast du den Zucker denn immer noch nicht gefunden? — Also, langsam glaube ich, sie will mich nur ärgern.

Nun denn, fehlt noch was in unserem Nachruf? — Was? Da fehlt so gut wie alles? Anfang? Mitte? Was? Der Schluss auch? Gisela, mach doch bitte mal die Kychentyr zu, ja? Und zwar von drinnen! — So, jetzt ist besser, nicht wahr?

Ein Nachruf ohne Schluss, das kann es ja nicht sein. Also gut, sprechen wir yber den Schluss. Wir haben mit den Orakelfischen ausgemacht, dass sie Strafpunkte bekommen und dass sie am Ende gegrillt werden wyrden, wenn sie Fehler machen — wovon bei Vertragsabschluss aber niemand ausging. Das war eher ein symbolischer Sanktionsmechanismus. Ich weiß bis heute nicht, wie das yberhaupt funktioniert, dass ein Orakel Fehler macht, aber das werden wir noch herausbekommen. Die Computer arbeiten! Das ist nur ein Indiz dafyr, dass in der Präkognistik noch viel zu erforschen ist. Aber das werde ich spätestens in meinem nächsten revolutionären Standardwerk aufklären. Der Titel steht schon fest: „Der Homo …“ — Was? Du hast den Zucker gefunden? Du bist ein Schatz, Gisela. Könntest Du bitte den Tee aufwärmen? Was? Ich brauche nicht mehr so zu schreien? Du stehst jetzt direkt neben mir? Was?

Protokolliert von Herrn Büge.

PS: Seit heute trägt das Ybersinn–Aquarium Trauerflor, jederzeit zu besichtigen via Ybersinn-Webcam.

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3 Antworten auf „Gisela, mach mal die Kychentyr von drinnen zu!“

  1. moi sagt:

    Lieber Prof, ich kann mir ja viel vorstellen, aber nicht, dass die Fische so doof sind, so einer Vereinbarung zuzustimmen – sich selbst auf den Grill zu legen. Zumal ihnen von Dir genügend Fallen gestellt wurden („Bekommt Ghaddafi den Friedensnobelpreis“ …)

    LASS DIE FISCHE AM LEBEN!!!

  2. Herr Büge sagt:

    @ moi

    Ein Orakel sollte wohl in der Lage sein zu erkennen, wenn ihm eine Falle gestellt wird. Mal abgesehen davon, dass es gar keine Falle war. Alle Informationen, die dem Ybersinn seinerzeit vorlagen, deuteten darauf hin, dass Muammar al-Gaddafi als ganz heißer Kandidat für den Friedensnobelpreis gehandelt wurde – ebenso wie Hosni Mubarak und Bashar al-Assad. Gaddafi galt als Favorit, denn jahrelang hat er dafür gesorgt, dass afrikanische Flüchtlinge erst gar nicht bis Europa kommen, und das bedeutete: Frieden in Europa und Sarkozy in Gaddafis Bedu-Zelt. Kann man sich schönere, friedvollere Bilder denken?

    Das Orakel hat hieraus gelernt. Bei einer weiteren Frage, die ihm ein paar Wochen später vorgelegt wurde, ignorierte es alle drei angebotenen Antwortmöglichkeiten. Es ging um die Frage, was der EU-Gipfel in Sachen Eurokrise entscheidet, und die – zutreffende – Weissagung besagte: nichts.