Zum Diktat: Bilanz nach sieben Orakelsprüchen

Es ist geschafft! Hier ist die Abschrift des Diktats, zu dem mich unser Chef heute einbestellte – Professor Ingelburt M. Humperdinck, der Z.A.P.F., das Zentrum für angewandte Präkognistik Frankfurt, und damit Ybersinn.de am 29.2.2019 gründen wird. Der Professor ist manchmal etwas eigentümlich, um nicht zu sagen: rückwärtsgewandt. Jedenfalls besteht er darauf, mir seine Gedanken in den Schreibblock zu diktieren. Man könnte ja auch ein Diktiergerät verwenden, oder? Aber nein. Übrigens: Er ist auch schwerhörig.

Zum Diktat: Bilanz nach sieben Orakelsprüchen

Setz dich. Ja, da auf den Boden. Aha, du kriegst einen Schneidersitz hin in deinem Alter, na gut, bild‘ dir darauf aber mal nichts ein. So, Herr Büge, dann wollen wir mal. Nach reiflicher Überlegung bin ich zu der Einschätzung gelangt, dass es mit dem Orakel noch nicht richtig läuft. So kommen wir nicht weiter. Gisela, ich möchte bitte einen Tee. Was? Ja, Earl Grey, heiß. Was? Danke, bist ein Schatz!

Nee, Herr Büge, ist doch klasse, oder? Wozu brauchen wir Replikatoren, wenn wir Giselas haben? Aber wo war ich stehengeblieben? Ach ja, so kommen wir nicht weiter. Ich spreche das ganz unumwunden aus: So kommen wir nicht weiter mit der Erforschung der Präkognition. Was haben wir denn? Das ist doch die Frage, die wir uns jetzt stellen müssen: Was haben wir denn wirklich? Kennst du die Antwort? Siehst du.

So läuft das nicht. Wir haben sieben Orakelsprüche, von denen sich vier bewahrheitet haben. Vier! Ich unterschlage das Wort „nur“! Danke Gisela. Was? 17 Stück Zucker, ja, genau wie immer, sehr schön, danke meine Liebe. 17 von sieben, Herr Büge! Das muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen. Das ist kein Ergebnis, aus dem man irgendwas seriös ableiten könnte.

Völlig außer Frage steht, dass unser Orakel das hochkarätigste Orakel der Welt ist. Warum dann aber diese Quote? Gisela, der Tee ist nicht richtig heiß. 17 von sieben! Da zähle ich die Weissagung zur Frage „Ist Loriot wirklich tot?“ übrigens dazu, und auch die Antwort auf die Frage „Wollet ihr gesegnet sein?“ Das ist eben Ybersinn. Gerade in dieser Frage hat das Orakel Humor bewiesen, und dass es nicht-tierisch ist, da hätte man auch selbst drauf kommen können. Aber sonst? Meinst du wirklich, dass das mit dem Tauchsieder eine gute Idee ist? Aha. Und die Frage ans Orakel bezüglich Steffi und … äh … Andü … Was war das denn für eine Frage? Da hab ich mich schon mal gefragt, ob das Y-Team noch richtig tickt. Autsch. Gisela, der Tee ist zu heiß! Was? In den Kühlschrank? Nein, lass nur, er kühlt auch ab, wenn ich ihn hier auf den Tisch stelle. Was? Ja, auf den Tisch.

Die Fakten müssen auf den Tisch – und 17 von sieben, das sind nun mal die Fakten, die knallharten Fakten. Ich habe mich gefragt, ob wir die Sache richtig angehen. Beziehungsweise ob wir die richtigen Fragen stellen. Beziehungsweise die Fragen richtig stellen. Es ist fußkalt hier, oder? Leg dir doch den Flokati unter, Herr Büge. Ja, so ist es besser, sonst kriegst du es noch an der Blase.

Wenn du dir die beiden Fragen mal anguckst, zu denen das Orakel falsch geweissagt hat, was allerdings im Grunde ein Widerspruch in sich selbst ist … Also: Wer kriegt den Friedensnobelpreis 2011 – Assad, Gaddafi oder Mubarak? Daran muss doch jedem klaren Denker auffallen, dass das eigentlich alles unrealistische Antworten waren. Wer hat sich das denn ausgedacht? Herr Vögele zusammen mit Herrn Hebel? Aha. Die Herren muss ich wohl mal einbestellen. Ist es besser mit dem Flokati drunter? Da konnte das Orakel ja gar keine richtige Antwort geben.

Nun könnte man natürlich argumentieren, dass das Orakel das Futter dann eben komplett hätte verweigern müssen, aber wenn man sich … Gisela, der Tee ist zu süß! Was? Aber da ist mindestens ein Würfel zu viel drin … Was? Bäh! Das Zeug kann man ja nicht trinken. Ha ha, merkst du was, Herr Büge? Ich fühle mich gerade wie das Orakel. So eine Frage und dann diese Antwortmöglichkeiten – das ist doch eine Provokation. Da geht man doch schon allein aus Trotz an die Algen!

Und die andere Geschichte, das mit diesem Typen da, diesem … wie heißt er noch gleich? Dösler? Mösler? Ach richtig, Rösler … Was? Nein, ich habe das Wort Provokation nicht in den Mund genommen, Gisela. Was? Nein, ich möchte jetzt gerade keinen Tee mehr, vielen Dank. Also, dieser Herr Dösler … Vielleicht hätte man die Frage anders stellen sollen. Nicht: Ist dieser Dösler in vier Wochen nach Wirtschaftsminister und FDP-Chef? Sondern: Spinnt die Kanzlerin, so eine Pfeife in ihrer Regierung zu dulden? Manchmal kommt es auf die sprachlichen Feinheiten an, wenn man eine Frage ans Orakel formuliert. Bäh, der Tee ist wirklich widerlich. Hätten wir doch nur schon Replikatoren!